“Die Würde des Menschen ist unantastbar.” (Art. 1 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland).

Applaus und Zustimmung. Nur blöd, dass die Verfassungsväter offen ließen, was Würde ist und woher sie kommt. So ist Zoff vorprogrammiert, wie die letzten Wochen zeigen.

“Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde.” (Immanuel Kant)

In einem früheren Blog-Beitrag zum Wert eines Menschenlebens habe ich dargestellt, dass Wert eine Festsetzung des Marktes ist. Würde hingegen sprechen wir uns nicht selbst zu, sie eignet sich einem Menschen natürlich, d.h. durch seine menschliche Natur an. Deshalb ist sie “unantastbar”, d.h. untrennbar mit unserem Menschsein verbunden.

Was ist denn so toll am Menschen?

Was aber Würde ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Es gibt die Meinung, es sei des Menschen

  • Vernunft, oder
  • Freiheit und Autonomie, oder
  • Schaffensdrang.

Was ist Würde nach Deiner Vorstellung? Mehrere Antworten sind möglich:

Wir wollen prüfen, was davon stimmt. Und zwar anhand des Gedankens von der “Unantastbarkeit“. Läge unsere Würde tatsächlich

  • in der Vernunft, so dürfte es keine Schulen und Universitäten geben,
  • in der Freiheit, so dürfte es keine Gefängnisse geben,
  • im Schaffensdrang, so dürfte es keine Arbeitslosen geben,

da diese “Quellen“ von Würde faktisch immer Teile unserer Gesellschaft vorrübergehend oder dauerhaft ausschließen. Von wegen “unantastbar“!

Der Bundesgerichtshof meint in einer Stellungnahme, Würde sei ein Wert- und Achtungsanspruch. Wert und Achtung – weswegen? Nur weil man die Spezies „Mensch“ ist? Was ist denn so toll am Menschen? Schon 15 Minuten Tagesschau wecken in mir erhebliche Zweifel.

Irgendwie kommen wir bei der Klärung des Begriffs “Würde” mit der Vernunft nicht viel weiter. Da ist es vielleicht sinnvoll, die (zu) engen Grenzen unseres Verstandes zu “überschreiten”, also zu transzendieren, und zu schauen, wie die Weltreligionen über Würde denken!

Begriff der Würde in den Weltreligionen

Für die großen (theistischen) Religionen der Welt ist Würde übereinstimmend und in erster Linie ein relationaler Begriff. Die Würde liegt in einer geistlichen Beziehung!

„Gott selbst, der den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat, schrieb in sein Herz das Verlangen, ihn zu sehen. Auch wenn dieses Verlangen oft verkannt wird, hört Gott nicht auf, den Menschen an sich zu ziehen. Denn er soll leben und in ihm jene Fülle der Wahrheit und des Glücks finden, die er unablässig sucht. Der Mensch ist also seiner Natur und Berufung nach ein religiöses Wesen, das fähig ist, in Gemeinschaft mit Gott zu treten. Diese innige, lebendige Verbindung mit Gott verleiht dem Menschen seine grundlegende Würde.“ (Kath. Katechismus von 2005)

Von allen Religionen gibt sich nur das Christentum an dieser Stelle nicht zufrieden – und setzt einen darauf: Das Christentum stellt

  1. die Menschenwürde anhand der Gottesebenbildlichkeit und – wie wir gehört haben – anhand der Gottesbeziehungsfähigkeit fest.
  2. Und zusätzlich, lieber Immanuel Kant, auch einen Wert des Menschen – durch den Tod Jesu!
Was macht uns da so sicher?

Stell Dir vor, Du würdest vor 2000 Jahren leben, wärest einer der Jünger Jesu und Zeuge der Kreuzigung. Und nun hängt Dein bester Freund vor Deinen Augen drei Stunden am Kreuz und stirbt langsam. Du starrst auf das Kreuz. Erst bist Du ratlos und fassungslos. Aber dann sammelst Du Dich, Du fängst an nachzudenken. Und es macht plötzlich Klick! Mit einem Mal ist alles klar. Es ergibt einen Sinn, was da gerade passiert!

Es gab eine solche Person tatsächlich. Sie hieß Johannes. Und aus seinem “Klick” entsteht das berühmte Johannes-Evangelium:

“Denn Gott hat die Welt (d.h. den Menschen) so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.” (Joh 3,16)

Das Christentum glaubt also Folgendes: Für Gott bist Du so wertvoll, dass er bereit war, für Dich zu sterben! Das hier vom Wert die Rede ist, lässt sich belegen: Das Neue Testament nennt Jesus “Erlöser“. Weißt Du, was das griechische Wort für “erlösen“ bedeutet? “Loskaufen”!

Der Begriff wurde speziell in Bezug auf den Kauf der Freiheit für einen Sklaven gebraucht. Ähnlich wie bei uns heute z.B. die Ablösen für Fußballspielern. Die Verwendung dieses Begriffs für den Tod Jesu am Kreuz ist kein Zufall. Die Bibel scheut sich nicht von einem Markt zu sprechen, eigenartigerweise besteht sie sogar darauf!

Also:

  1. Würde empfängt der Mensch aus seiner Position als Ebenbild vor Gott und seiner Beziehung zu Gott.
  2. Seinen Wert aber begreift der Mensch, wenn er wie Johannes auf das Kreuz Jesu schaut.

Und wenn in Jesus der unendliche Gott dort für mich gestorben ist, dann weiß ich nun nicht nur, dass ich wertvoll bin, sondern auch wie viel: nämlich ebenso unendlich viel! Und genau das, und auch nur das “krönt” den Menschen in der Schöpfung, wie es Künstler (s. Titelbild) immer wieder aufgreifen.

Mehr am “Abend der Freiheit” mit der Frage: “Was ist ganze Freiheit?”

Was ist echte Freiheit?

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