In meiner ersten Festanstellung führte ich eine geheime Liste. Darauf: alle Fehler und Versäumnisse meiner Vorgesetzten. Für den Fall, dass ich eines Tages ihren Job übernehmen würde. Dann – so mein jugendlicher Optimismus – würde ich es natürlich besser machen. Klar.

Einige Zeit später war ich Geschäftsführer meiner eigenen Internetagentur, verantwortlich für rund 40 Mitarbeiter. Nach einigen guten Jahren kam das Unternehmen in Schwierigkeiten und ich legte seine Geschicke ganz in die Hände meines Mitgesellschafters.

Beim Aufräumen meines Büros fiel mir diese alte Liste wieder in die Hände. Ich hatte sie völlig vergessen. Und peinliche Erkenntnis: Fast alle Fehler auf der Liste hatte ich inzwischen selbst begangen. Touché.

Instrumentenflug mit Realitätsverlust

Offenbar schaltet man in höherer Verantwortung irgendwann automatisch und unmerklich in eine Art Instrumentenflug um. Man fliegt nach Anzeigen, verliert aber den Blick für die Realität: Zustand der Maschine, Kurs, Wetterlage, Passagiere. Das Gemeine daran? Andere merken es – nur man selbst nicht.

Kaum ein Berufsstand leidet stärker darunter als die Politik. Wir erleben das gerade sehr anschaulich. Entsprechend laut ist das Schimpfen über “die da oben”. Und ja, ich merke: Mein Puls steigt da auch zuverlässig mit. Was tun? Ich habe angefangen, regelmäßig für

  • unseren Kanzler,
  • die Regierung,
  • die Parlamentarier

zu beten. Auch für Trump, Putin und andere Politkrawallos. Denn der Apostel Paulus hat eine bemerkenswerte Notiz hinterlassen – vielleicht auch so eine Art Liste:

“So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.” (1. Timotheus 2,1–2)

Global Consciousness Project

Überzeugt Dich nicht? Gebet ist für Dich eher Placebo als Plan A? Ehrlich gefragt: Glaubst Du wirklich, dass wir die aufgetürmten Krisen durch Schimpfen und Nörgeln lösen? Oder gar durch die nächste Wahl?

“Da hilft nur noch beten!”

sagt nicht umsonst der Volksmund. Und ein ziemlich ungewöhnliches Forschungsprojekt liefert spannende Hinweise darauf, dass unser Geist durch Gebet offenbar mehr kann, als wir ihm bislang zutrauen: das Global Consciousness Project (GCP). Klingt erst einmal nach Räucherstäbchen, ist aber schnöde Datenarbeit.

Gestartet wurde das Projekt Ende der 1990er-Jahre an der Princeton University. Die Grundidee ist ebenso simpel wie gewagt: Wenn viele Menschen gleichzeitig emotional stark bewegt sind – durch Schock, Trauer, Hoffnung oder Gebet –, dann hinterlässt das messbare Spuren. Einen geistig-geistlichen Fußabdruck. Nicht im Feuilleton, sondern in physikalischen Zufallsprozessen.

Wenn Bewusstsein messbar wird

Dafür betreibt das GCP ein weltweites Netzwerk sogenannter Zufallszahlengeneratoren. Man kann sich das ganz simpel vorstellen wie das Werfen einer Münze. Wirft man sie oft genug, pendelt sich das Ergebnis bei etwa 50 % Kopf und 50 % Zahl ein. Genau das erwarten wir vom Zufall: kleine Schwankungen, aber langfristig saubere Statistik.

Und nun kommt’s: Immer dann, wenn globale Ereignisse viele Menschen gleichzeitig innerlich “auf dieselbe Frequenz” bringen – etwa bei

  • Terroranschlägen,
  • Naturkatastrophen,
  • historischen Wendepunkten oder auch
  • Momenten großer Hoffnung,

beginnt dieses 50:50-Verhältnis zu kippen. So, als würde die Münze plötzlich minimal häufiger auf einer Seite landen. Weltweit, konsistent, sauber messbar. Die Forscher sprechen von Indizien. Hinweise darauf, dass Bewusstsein womöglich nicht nur eine private Angelegenheit im eigenen Kopf ist, sondern eine kollektive Komponente haben könnte.

Glauben deformiert Realität

Der seit Descartes tief in uns verankerte Dualismus von Geist und Materie hat uns beigebracht, beides sauber zu trennen: hier das Denken (Bewusstsein), dort die Welt (Materie). Praktisch fürs Labor, unerquicklich fürs Leben. Denn genau diese Trennung blendet solche Wechselwirkungen, wie sie im GCP gemessen wurden, aus: Bewusstsein nicht nur als Zuschauer, sondern als Mitspieler.

Wer also beim Stichwort Gebet innerlich abwinkt, darf zumindest festhalten: Glauben wirkt. Nicht als magischer Wunschzettel, sondern als reale Kraft, die unsere Wirklichkeit formt – oder, wenn man es nüchterner mag, sie messbar deformiert. Auch in der Politik.

Foto: Adobe AI

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