“Du dumme Sau!” – Wer hat das gesagt? Tatsächlich Jesus, und zwar der Jesus von Klaus Kinski am Abend des 20. November 1971. Dass Kinski mit einer eigenen Adaption des Evangeliums auf Tournee gehen wollte, irritierte Bewunderer und Kritiker gleichermaßen. Doch zur Premiere fanden sich um die 5.000 Zuschauer in der mit Absperrungen und Polizei gesicherten Berliner Deutschlandhalle ein.
Eskalation und Abbruch
Die Stimmung war gespannt. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, rezitierte Kinski seinen Text “Jesus Christus Erlöser”. Kinski realisierte damit ein Projekt, mit dem er sich über zehn Jahre beschäftigt hatte:
“Ich möchte die erregendste Geschichte der Menschheit erzählen: Das Leben von Jesus Christus. (…) Es geht mir um den furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen. Um den Mann, der so ist, wie wir alle sein wollen.”
Kaum auf der Bühne, wurde Kinski mit “Jesus” und “Halleluja” begrüßt. Es mehrten sich Zwischenrufe und Gelächter; Kinskis Ton wurde schärfer. Als ein Zuhörer Kinski zurechtwies, Jesus sei sanftmütig gewesen und habe “nicht gesagt: Halt deine Schnauze”, rastete Kinski aus:
“Nein, er hat nicht gesagt: Halt die Schnauze – er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen!”
Den Mann beschimpfte er “Du dumme Sau”, das Publikum johlte. Nach weiteren Anläufen, verbalen Schlagabtauschen und Saalverweisen brach Kinski ab.
Wunder in der Nacht
Aber spät in der Nacht ereignete sich das Wunder. Burkhard Jürgens schreibt in seinem Artikel auf Domradio.de: “Die meisten sind gegangen, eine Handvoll bleibt zurück. Zu ihnen steigt Kinski herab, erschöpft, genervt, aber endlich auf Augenhöhe. Seine Stimme ist rau von der Schreierei und den Cognacs, mit denen er sich zwischendurch beruhigt hat.
Mit schwerer Zunge bringt er sein 30 Seiten langes Skript zu Ende; fast klingt es wie ein Vermächtnis. Manche Zuhörer haben die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, während Kinski von Jesus spricht als der Hoffnung für “Kriegsverweigerer, Verzweifelte, schreiende Mütter in Vietnam, Hippies, Gammler, Fixer, Ausgestoßene, zum Tode Verurteilte”.”
Beschissener als die Pharisäer
Angesichts seines Versuchs, die Frohe Botschaft zu verkünden, befand Kinski über das Publikum:
“Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben.”
Ein weiteres Wunder ist, dass dieser Bühnenauftritt Kinskis der einzige ist, der filmisch festgehalten und von Peter Geyer als 84-minütiges Zeitdokument veröffentlicht wurde. Die Nutzerkommentare zu den zahlreichen Kopien auf YouTube belegen, dass das Spektakel bis heute Anerkennung und Bewunderung abnötigt.
Genie und Wahnsinn
Wogegen sich seine älteste Tochter Pola Kinski vehement wehrt:
“Mein Vater hat mich jahrelang missbraucht.”
Ihr Buch über die sexuellen Übergriffe des berühmten Vaters bestätigt einmal mehr die Ambivalenz der Person Klaus Kinski: Genie und Wahnsinn, Vater und Schänder, Jesus und Dämon.
Selber “Du dumme Sau”? Selbst hartgesottenen Betrachtern des Films “Jesus Christus Erlöser” fällt es schwer, sich dem Bann und der Erschütterung zu entziehen, die Kinskis Performance hinterlässt. Waren es nicht laut der Evangelien just die Dämonen, die Jesus sofort erkannten und in Panik gerieten? War es nicht stets die Dunkelheit, die vor dem Lichte seiner Botschaft vom Reich Gottes die Flucht ergriff?
Ruch von Authentizität
Offensichtlich ist es Kinskis unbezweifelbare dämonische Seite, die diesem Ausnahmedarsteller eine Jesus-Adaption abrang, die einen Ruch von Authentizität hat wie nur wenige vor und nach ihm.
Kinski hatte in einem Interview gesagt:
“Für meine Begriffe ist das (d.h. die Botschaft vom Reich Gottes) die einzige wirkliche Revolution, die jetzt stattfindet, und die kein Mensch mehr aufhalten kann.”
Um diese Revolution geht es am “Abend der Reinheit”. Wie nah ist Kinski dem echten, dem jüdischen Jesus gekommen? Finde es heraus!
