Kein Sex im Himmel? Klingt nach Clickbaiting (deutsch: Klickköder)? Theologen werden sich vielleicht verwundert anschauen und die Schultern zucken. Ich halte dagegen und wette, dass es gute Gründe gibt, über diese Frage ernsthaft nachzusinnen. Denn es gibt eine Reihe von Menschen, für deren Leben die Antwort von Belang ist. Ich denke an (auch mir persönlich bekannte) Menschen,
- die zölibatär leben (müssen);
- die ihren Partner zu früh verloren haben;
- die für diese Frage bereit sind, im Dschihad als Märtyrer zu sterben;
- die zu früh sterben müssen.
Zu letzter Gruppe erzählte mir mein Großvater eine erschütternde Erinnerung aus dem Russlandfeldzug. Verwundete junge Soldaten riefen in Erwartung des sicheren Todes verzweifelt:
“Ich will noch nicht sterben, ich habe doch noch nie mit einem Mädchen …”
Hättest Du als Militärseelsorger eine Antwort parat gehabt? Übrigens, u.a. wegen dieser Erinnerung mochte mein Großvater nicht mehr an einen Gott der Liebe glauben …
Ist das nicht erstaunlich: Für dieselbe Frage möchten die einen sterben, die anderen (über-) leben. So verschieden können Erwartungen sein. Einst in Russland, heute in der Ukraine und Gaza …
Die beiden stärksten Lebensmächte
Der Religionsphilosoph Walter Schubart schreibt 1941 in der Einleitung zu “Religion und Eros”:
“Das Religiöse und das Geschlechtliche sind die beiden stärksten Lebensmächte. Wer sie für ursprüngliche Widersacher hält, lehrt die ewige Zwiespältigkeit der Seele. Wer sie zu unversöhnlichen Feinden macht, zerreißt das menschliche Herz. Und es ist zerrissen worden! Wer über Religion und Erotik nachsinnt, muß den Finger an eine der schmerzlichsten Wunden legen, die in der Tiefe des Menschen blutet.”
Dieses Schlachtfeld hat in 2000 Jahren Christentum zigfache Metamorphosen des Wahnsinns erlebt. So galt zur Zeit der Hexenverfolgungen schon allein erotische Ausstrahlung als verdächtig. In Zeiten des Internets und einer schier unendlichen Verfügbarkeit visueller Reize schießt die ungelöste Spannung zwischen Religion und Erotik und die schwierige Balance auf neue, tragische Höhen.
Ein Pfarrer schilderte mir besorgt, dass es mittlerweile in rund 90 Prozent seiner Beichtgespräche um Pornografie und Selbstbefriedigung geht. Es scheint, als brächen alle Dämme. Und das trotz – oder gerade wegen? – der rigiden “Brandmauern”, die einst vor allem von Paulus unter dem Stichwort “Unzucht” (Luther) hochgezogen wurden. Was zu seiner Zeit die von griechischen Sexkulten irritierten Gemeinden moraltheologisch einfrieden sollte, klingt heute in manchen Ohren angesichts von Queer und LGBTQ merkwürdig antiquiert und prüde.
In Liebe alles erlaubt?
Liberale Kirchenkreise nutzen die Gunst der Stunde, auch die letzten Reste der paulinischen Brandmauern zu schleifen: Alles ist erlaubt – nur in Liebe sollte es sein. Aber die Geister, die Christen da hereinlassen, übernehmen zusehend die Kontrolle. Zuerst erschütterte ein Tsunami sexuellen Missbrauchs die katholische Kirche. Dann die reformierten Kirchen. Und schließlich Freikirchen und bekannte Mega-Churchs in den USA und Australien.
Einher mit solchen irdischen Irrungen gehen skeptische Erwartungen, die sich den Himmel als einen ziemlich spaßbefreiten bis langweiligen Ort ausmalen. Buchstäblich “Tote Hose”, kein Sex im Himmel. Dieses (eine) Leben gilt als die einzige, letzte und unüberbietbare “Gelegenheit”, sich der schönsten Nebensache der Welt hinzugeben. Menschen, die darauf (bewusst) verzichten, beziehen eher Mitleid und Argwohn als Respekt und Anerkennung.
Jesus verführerisch und unwiderstehlich
Welche enormen Spannungen Religion und Erotik nach wie vor entladen, hat die Veröffentlichung des Titelbildes zu diesem Blogbeitrag (s.o.) in den sozialen Medien gezeigt. Es sind vier Entwürfe sog. “Künstlicher Intelligenz” (KI) zu Stichworten (sog. „Prompts“) rund um “Jungfrau Maria”. “Lass das.” riet man mir. Schon die implizite, da rein ästhetische Frage der Bilder, ob Maria eine Erotik hatte, wurde als anstößig empfunden. Warum?
Ich kenne eine (glücklich verheiratete) Journalistin, die – obwohl zu jener Zeit areligiös – zwei spektakuläre Jesus-Begegnungen hatte:
“Er ist so sehr Mann, so maskulin, verführerisch und unwiderstehlich. Seine Ausstrahlung ist stärker als erotisch, er berührt mich tiefer als jemals ein anderer Mann. Aber sein Lächeln ist nicht das eines Mannes, der eine Frau in einem höchst liebevollen Akt anlächelt. Und doch, im Angesicht dieses Lächelns fühle ich mich geliebt, und zwar mit einer anderen Art von Liebe, als ich sie kenne.” – Charlotte Rørth in “Die Frau, die nicht an Gott glaubte und Jesus traf”
Nun frage ich Dich:
- Sollte dann ausgerechnet Jesu Mutter ein unattraktives Mauerblümchen sein?
- Sollte nicht ein Gott als Inbegriff und Quelle aller Schönheit, ja dessen Anblick so betörend ist, dass wir ohne seine Verhüllung augenblicklich sterben müssten, in seiner Menschwerdung eine ebenbürtige Ausstrahlung gehabt haben?
- Ja, es gibt Textstellen, die Jesus eine abstoßende Erscheinung zuschreiben. Aber ist es nicht plausibler – wie es die meisten Ausleger tun – das auf den durch Folterung und Kreuzigung entstellten Jesus zu beziehen?
Vergöttlichung und Verteufelung
Erotik gehört mit zum Ambivalentesten, das der Mensch erleben kann. Dementsprechend oszilliert die Einstellung dazu zwischen Vergöttlichung und Verteufelung. Dass die Kirche die längste Zeit Erotik verteufelt hat, wird ihr auch aus Reihen der Theologie vorgeworfen. Während das Alte Testament voller Erotik ist, man denke nur an das Hohelied mit seinen ein- bis zweideutig sexuellen Anspielungen, ist im Neuen Testament nichts mehr davon zu finden.
“Das Neue Testament meidet den Eros wie die Pest”,
so der Theologe Gotthard Fuchs. Warum das so ist, versucht Fuchs zu erklären: Für die Griechen war Eros ein Gott und die Sexualität wurde vergöttlicht. Dem musste das Neue Testament gegensteuern, denn christlich ist es, das Thema weder zu vergöttlichen noch zu verteufeln. Dass sie dann im Gegensteuern den Sex verteufelt hat, ist eine der Tragödien des Christentums.
Verschiedene Hinweise zum selben Ziel
Kein Sex im Himmel? Je intensiver ich mich mit dem Thema beschäftige und je mehr eigene spirituelle Erfahrungen hineinspielen, desto mehr bin ich geneigt, Walter Schubart und dessen Rezeption durch niemand geringeren als den Benediktinerpater Anselm Grün Beachtung zu schenken: Der “traditionelle” Spannungszustand zwischen Religion und Erotik verweist aus ihrer Sicht
- viel weniger auf Gegensätzlichkeiten,
- als vielmehr auf Gemeinsamkeiten,
- ja auf einen Wettstreit.
Religion und Erotik sind verschiedene Hinweise zum selben Ziel: dem Begehren um Vervollständigung und Einung mit dem ganz Anderen.
Kein Sex im Himmel? Wir müssen die Frage noch offen lassen. Argumente für und wider mit einer interessanten Synthese stelle ich im zweiten Teil dieses Blogbeitrags vor.
Foto: Playground AI
