Apropos Krisen: Erleben wir auch eine Krise der Schönheit? Wenn Du Dich mal so umschaust – wie empfindest Du das?
Wir waren kürzlich mit dem “Abend der Schönheit” nach Frankfurt a. M. eingeladen und haben Bilder (s. o.) von zwei lokalen, kontrovers diskutierten Städtebauprojekten gezeigt: Die sog. “Neue Altstadt” und das “Europaviertel”.
- Die “Neue Altstadt” ist die partielle Rekonstruktion eines unweit des Rathauses im Krieg vollständig zerstörten Viertels nach historischen Vorbildern, nachdem man dort einen asbestbelasteten Verwaltungskomplex der Nachkriegszeit abgerissen hatte.
- Das “Europaviertel” entstand auf der Fläche des rückgebauten ehemaligen Hauptgüterbahnhofs.
Rekonstruktion versus Modernismus
Beide Bauprojekte wurden ungefähr zur selben Zeit, d.h. bis 2018 fertiggestellt. Das erlaubt die Frage, ob denn der moderne, quasi vorbildfreie Städtebau gegenüber historischen Rekonstruktionen zu überzeugen vermag.
Die Reaktion der Frankfurter Öffentlichkeit (und meines Publikums) war eindeutig: Der rekonstruierende Versuch fand Würdigung bis Beifall, der modernistische Versuch kassierte Ablehnung bis Spott.

Das darin erkennbare Dilemma bringen zwei Experten auf den Punkt:
“Jede einzelne alte Bebauung – sie muss nur mehr als 100 Jahre alt sein – hat bedeutend mehr Schönheit und Lebensqualität als heutige Quartiere.” (Stadtplaner und Architekt Christoph Mäckler, Frankfurt)
„Wir können die Stadt, die wir lieben, nicht mehr bauen.“ (Architekt Hans Kollhof, Zürich)
Kann Bauhaus Sakralarchitektur?
Stecken wir in einer Krise der Schönheit? Ein bedeutender Bauherr vor allem früherer Epochen war die Kirche. Werfen wir also einen Blick auf die Sakralarchitektur und stellen wir historische und zeitgenössische Entwürfe nebeneinander.
Meine Geburtsstadt Aachen liefert zwei interessante Anschauungsobjekte:
- Den Dom, Fertigstellung um 803, erweitert um Chorhalle bis 1414, und
- die Fronleichnam-Kirche von 1930 (Architekt Rudolf Schwarz).
Ich kenne beide Bauwerke und habe sie “in Funktion”, d.h. zur Heiligen Messe erlebt.

Gegenüber dem Dom ist die von mir in der Fronleichnam-Kirche (natürlich rein subjektiv) empfundene Schönheit und damit verbundene mystische Qualia der Gottesbegegnung eine völlig andere:
- Die ornamentfreien weißen Wände im Kontrast zum schwarzen Boden und Altarsockel schüchtern mich ein.
- Ich wähne mich mehr in einer Bahnhofshalle als an einem sinnlichen Ort, der Prisma der Schönheit des Ewigen sein sollte.
- Das Auge streift vergeblich umher nach etwas Tröstlichem oder Erbaulichem.
Der von den Aachenern scherzhaft als “Sankt Makai” (Aachener Platt für Quark) benannte, schnörkellose, glatte Gebäudekorpus wirkte im einstigen städtebaulichen Gründerzeitmilieu des Aachener Ostviertels irritierend bis provokant. Nur trickreich konnte er gegen Widerstände durchgesetzt werden.
Furchtbar viel Gewachsenes roh zerstört
Was um 1930 noch als richtungsweisendes Experiment im Geiste des Bauhauses gelten konnte, wurde nach der weitflächigen Zerstörung der umliegenden, historischen Bausubstanz zu einem Menetekel der stilistischen Radikalität monotoner Nachkriegsarchitektur, mit der die ganze Nachbarschaft wieder aufgebaut wurde. Rudolf Schwarz bekennt 1947 gegenüber seinem Bauhaus-Freund Mies van der Rohe seine Zweifel:
“Im Grunde bin ich, wie ich immer mehr merke, ein stockkonservativer Mann, dem es immer schwerer fällt, an die Visionen unserer Freunde Corbusier oder [Martin] Wagner zu glauben. (…) Es ist so furchtbar viel Gewachsenes roh zerstört worden, dass einem jede Erinnerung an das Gewachsene kostbar geworden ist.”
Sah Rudolf Schwarz, einst radikaler Moderner, angesichts der ungeheuren Zerstörungen und Verluste an gebauten Kulturwerten durch Krieg, Neuplanung und Abrisswahn eine Krise der Schönheit aufziehen?
Wo ist sie nun hin, die Schönheit? Was ist bzw. war ihre Quelle? Und wie finden wir aus der Krise der Schönheit heraus?
