11.000 Menschen ringen sichtlich mit der Fassung. Lassen zu derartiger Schönheit von Musik und Gesang ihrer Rührung hemmungslosen Lauf, erheben sich schließlich mit frenetischem Applaus. Diese Szenen aus dem sonst eher beschaulichen Maastricht laufen derzeit durch die Sozialen Medien um die Welt:
“Ich wurde in den Himmel gezogen!”
schreibt eine Kommentatorin. Was ist passiert?
Ein Drama namens Emma
Maastrichts berühmtester Sohn, Walzerkönig André Rieu, hatte zu seinem traditionellen Sommerfestival auf den “Vrijthof” geladen. Rieu pflegt mit Gastkünstlern zu überraschen. Dieses Jahr scheint Rieu aber selbst nicht zu ahnen, welchen Coup er mit der 15-jährigen Emma Kok landen wird, Gewinnerin beim niederländischen Finale von “The Voice Kids 2023”.
Nachdem sich auf die Ankündigung das erste Erstaunen gelegt hat, erfährt das Publikum ein Drama: Emma leidet an einer bislang unheilbaren Magenlähmung, weswegen sie nur noch mit einer Sonde ernährt werden kann, die sie die meiste Zeit des Tages mitführen muss. Eine Beeinträchtigung, die erheblich auf die Lebensfreude und den Lebensmut des Teenagers drückt.
Der Krankheit trotzen
Doch Emma hat beschlossen, sich ihrem Schicksal zu stellen – indem sie singt, öffentlich, auf der Bühne. Die Welt soll ihren Trotz der Krankheit sehen – und vor allem hören. Die Schönheit von Musik und Gesang. Emma singt nicht irgendeinen Song, sondern ausgerechnet “Voilà”, mit dem Barbara Pravi für Frankreich beim European Song Contest antrat und den zweiten Platz belegte:
| Original | Deutsch |
|---|---|
|
Écoutez moi Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis Regardez moi, ou du moins ce qu’il en reste Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis Ne partez pas, j’vous en supplie restez longtemps Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis Voilà |
Hört mir zu So, so, so, so bin ich Schaut mich an, oder zumindest was davon übrig ist So, so, so, so bin ich Geht nicht, ich flehe euch an, bleibt lange So, so, so, so bin ich So. |
Zum Vergleich hier der deutsche Beitrag, der irgendwie nicht zündete und unsere europäischen Nachbarn nicht nur auf dem Maastrichter Vrijthof ratlos bis besorgt zurückließ…
Erstaunliche Reaktionen
Rieu hat eine autorisierte Aufzeichnung ins Netz gestellt hat, die
- 48 Millionen Aufrufe erzielte,
- Stimmtrainer und Gesangslehrer in Tränen ausbrechen lässt,
- bis ins ferne Japan für Begeisterung sorgt,
- als Kinofassung ein noch größeres Publikum erreichte.
Was mich an diesem Gänsehaut-Moment philosophisch interessiert, ist eine Erklärung für seine außergewöhnlich kollektiv-emotionale Wirkung: das Publikum wird entrückt, bis Tränen kullern.
Ja, das Schicksal von Emma trifft ins Herz. Da ist ihre zierliche, engelsgleiche Erscheinung. Und ihre Interpretation von “Voilà” lässt auch künstlerisch das Original weit hinter sich. Aber trotzdem frage ich mich, warum “schöne” Musik uns derart berührt. Was wird da angetriggert?
Im Judentum erzählt man sich diese Geschichte:
Die menschliche Seele streift vor der Geburt durchs Universum, sammelt enormes Wissen, sieht eine Menge Schönheit und wird so mit großer Weisheit erfüllt.
Aber unmittelbar vor der Geburt kommt der Todesengel und berührt mit seinem Schwert die Seele an der Stirn. Und in dem Moment, wenn die Seele in diese Welt inkarniert, nimmt das Drama seinen Lauf: Mit der Geburt vergisst der Mensch alles, was er bereits wusste. Dennoch bleibt von dem Verlorenen eine Ahnung, ein vages Gefühl zurück.
Darum wird der Mensch weinend geboren und sucht überall, sein ganzes Leben, verwirrt und verzweifelt diese Schönheit von der er ahnt, dass er sie verloren hat.
Ich mag diese Geschichte, da sie zwar eine spekulative, aber prinzipiell denkbare Erklärung bereitstellt: Wir sind vollkommener Schönheit bereits begegnet. Sie ist uns vertraut, und wann und wo immer auf Erden wahre Schönheit geschieht, erinnert sich unsere Seele, sofern sie gegenüber dem Transzendenten nicht erblindet ist.
Ein Indiz liefern Nahtoderfahrungen, die auffällig häufig unbeschreiblich schöne Musik schildern, die alles bisher Gehörte übersteigt. Liegt hier ein sogenanntes Resonanzphänomen vor? Stillt Schönheit eine Sehnsucht unseres Unterbewusstseins, die einmal angesprochen, dankbar und von alleine die gebührende Antwort findet? Ist Schönheit der Moment, an dem sich Himmel und Erde berühren – weil Gott der Inbegriff aller Schönheit ist?
Titelbild: Playground AI, Foto: André Rieu Productions

