Hast Du Dich – z.B. nach einem sog. “Déjà-vu” – auch schon gefragt, ob Du

  • frühere Leben hattest?
  • wiedergeboren wurdest?
  • nicht besser mit einer “Happy Re-Birthday”-Torte feiern solltest?

Filmempfehlungen Philosophie und ChristentumIn der Filmkomödie “Und täglich grüßt das Murmeltier” (1993) muss ein TV-Wetteransager denselben Tag wieder und wieder erleben, was zunächst für allerhand Komik sorgt. Mehr und mehr begreift er, dass er das Tagesgeschehen beeinflussen kann, das er als Einziger schon kennt. Er nutzt dies übermütig bis gewissenlos aus. Schließlich ändert er seine innere Einstellung: Er nutzt die sich wiederholende Zeit und seine Kenntnis des Geschehens, um zu lernen und Gutes zu tun. So überzeugt er auch seine Assistentin Rita, die sich in ihn verliebt. Mit der Liebe wird er aus der Zeitschleife befreit. Hier eine Vorschau dieses Filmklassikers.

Reinkarnation versus Wiedergeburt

Der Regisseur hat erklärt, dass der Film keine bestimmte religiöse oder philosophische Bedeutung haben soll. Er soll nur eine komödiantische Erforschung des persönlichen Wachstums und der Erlösung sein. Dennoch liegt die Deutung als Metapher für Reinkarnation und Wiedergeburt nahe.

Die Vorstellung von Reinkarnation und Wiedergeburt ist in fast allen Religionen zu finden. Sie ist archetypisch für den Menschen. Von buddhistischen Mönchen habe ich einen wichtigen Unterschied gelernt, den wir für die weitere Besprechung benötigen:

  • Reinkarnation meint die Wiederkehr als dieselbe Person, z.B. wieder als Dalai Lama. Daher wird nach dem Tod eines Dalai Lamas der Nachfolger unter Kindern gesucht.
  • Wiedergeburt hingegen meint die Wiederkehr in einer anderen Person oder gar als Tier.

Zum Für und Wider zu Reinkarnation bzw. Wiedergeburt im Christentum gibt es Argumente, von denen ich einige vorstellen möchte. Zuvor muss ich auf eine mögliche Verwechselung hinweisen: In bestimmten christlichen Kreisen und Gemeinden spricht man durchaus von einer “Wiedergeburt” i.S.v. z.B. Joh 3,1-21. Dahinter steht aber das Verständnis einer rein geistlichen Wiedergeburt i.S.v. Umkehr oder Bekehrung – und zwar während des jetzigen Lebens. Diese Form von “Wiedergeburt” ist im Weiteren nicht gemeint.

Argumente für Reinkarnation und Wiedergeburt im Christentum
  1. In wissenschaftlichen Untersuchungen sogenannter “Rückführungen” haben Probanden verifizierbare Details aus früheren Leben berichtet.
  2. Aus philosophischer Sicht lässt sich vorbringen, dass die Wiedergeburt die Theodizeefrage, also die Frage nach dem Leid, befriedigend beantworten vermag: weitere Leben sind die Folge schlechten Karmas (wie Buddhisten glauben). Oder genau umgekehrt, d.h. weitere Leben als Kompensation für erlittenes Leid – neues Spiel, neues Glück.
  3. Aus theologischer Sicht fallen Textstellen auf wie z.B. Mt 16,14 oder Joh 1,21. Sie weisen den Gedanken an Wiedergeburt nicht ausdrücklich zurück. Vom Propheten Jeremia heißt es, dass Gott ihn kannte, ehe er ihn im Mutterleibe bereitete. Das spricht für eine Präexistenz zumindest der Seele, wie und vor allem wie oft auch immer. Kommentare von Kirchenvätern belegen, dass Wiedergeburt in der Frühkirche ein Thema war und erst später tabuisiert wurde.
  4. Wiedergeburt ruft zur Eigenverantwortung. Sie widersetzt sich jeglicher “Erlösungslässigkeit” i.S. einer endgerichtlichen Immunität – frei nach dem Motto: Ich wurde von Jesus errettet, mir kann eh nichts mehr passieren, also lass’ ich es krachen …
  5. Wiedergeburt könnte die sog. Parusieverzögerung erklären, d.h. warum die Wiederkunft Jesu immer noch aussteht: Solange das Evangelium nicht zu allen Menschen gekommen ist, so lange müssen Menschen in Kulturen hinein wiedergeboren werden, in denen sie das Evangelium empfangen können. Damit wäre universale Erlösung und Gerechtigkeit potenziell möglich. Und die schwierige Frage beantwortet, wohin nach ihrem Tod die Menschen kommen, die das Evangelium (noch) nicht erreichen konnte.
  6. In der spirituellen Praxis wäre Wiedergeburt und eine darauf fußende Rückschau auf frühere Leben Voraussetzung für einen ethischen Lernprozess, wie er auch in Nahtoderfahrungen (NTE) geschildert wird. Die dort erlebte Schnellrückschau auf das gelebte Leben mit all seinen Folgen wird häufig als “Lehrstunde” empfunden. Wozu sollen daraus gewonnene Einsichten nützlich sein, wenn nicht zur reiferen Führung eines weiteren Lebens?
Argumente gegen Reinkarnation und Wiedergeburt im Christentum
  1. Rückführungserfahrungen können ein paranormales Phänomen von Retro-Hellsichtigkeit sein, die mit der sog. „Zeitmächtigkeit Gottes“ (Ratzinger) erklärbar wäre.
  2. Aus psychoanalytischer Sicht können Erinnerungen an frühere Leben posttraumatische Phänomene sein, in denen auf ein zweites, drittes, viertes Ich externalisiert wird. Oder auch wahnhafte Disidentifikation, wie sie der Philosoph Jochen Kirchoff nach seiner Veröffentlichung über Giordano Bruno erlebte: gleich fünf Personen versicherten ihm, eine Reinkarnation Giordano Bruno zu sein …
  3. Die Erinnerungen könnten auch aus einer jenseitigen “Videothek” stammen, in der alle Menschenleben “archiviert” sind (und aus der die Schnellrückschauen bei NTE kommen), ohne dass die Betreffenden jemals selbst die Person waren. Man nennt das Resonanzphänomen.
  4. Aus theologischer Sicht lässt sich das biblische Verbot der Totenbeschwörung vorbringen – weil es offenbar kein verwaistes Totenreich gibt. Dafür sprechen auch Sauls (erfolgreiche!) Totenbeschwörung sowie die Erscheinung von Mose und Elia bei Jesu Verklärung. Schließlich sagt Jesus zu einem der sterbenden Mitgekreuzigten (Lk 23,43): “Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein.” Jesus geht also von Lebensendlichkeit aus.
  5. Auch in der Erzählung von Lazarus und dem Reichen (Lk 16,19) verweist Jesus auf die Autorität der mosaischen und prophetischen Schriften und nicht eines reinkarnischen Lernprozesses. Ebenso ergäbe das Gleichnis vom verlorenen Sohn bei einer Wiedergeburt keinen Sinn mehr: Wozu noch die Vergebung des Vaters suchen und in Anspruch nehmen, wenn in einem nächsten Leben alles “abgesessen” werden kann. Überhaupt müsste es für Opfer von z.B. Vergewaltigung oder Folter ein Hohn sein, wenn ihre Peiniger dank Wiedergeburt nicht schwerer bestraft werden als mit einem “Sitzenbleiben” wie in der Schule. Gottes Gerechtigkeit wäre ziemlich auf den Hund gekommen und ein göttliches Endgericht ausgehöhlt.
  6. Einer der gewichtigsten logischen Einwände ist das “Amnesie-Dilemma”: Wenn der Mensch mit jedem Leben lernen i.S.v. sich selbst (z.B. moralisch) vervollkommnen können soll, so müsste er sich an Fehler und Versäumnisse in seinen früheren Leben erinnern können. Was von Leben zu Leben z.B. seine Moralität steigern müsste. Tatsächlich sind aber Neugeborene bis heute noch immer ziemlich bedürftig und zeigen mehr Anzeichen von Amnesie als Erinnerung an früher Erlerntes. Weswegen Wunderkinder wie Mozart nicht die Regel, sondern die Ausnahme sind! Auch die Menschheitsgeschichte mit all ihrem Leid und Unfrieden zeigt, dass es die dank Wiedergeburt zu erwartende sittliche Lernkurve nicht gibt oder sie zumindest sehr flach ist. Leider.
  7. Und last but not least müsste uns die Wiedergeburt das Problem einer anschwellenden Überbevölkerung bescheren. Die ist aber nicht in dem mathematisch erwartbaren Maße zu verzeichnen.

Ich weiß nicht, auf welche Seite Du Dich nach diesen Argumenten schlägst. Ganz ehrlich: ich hadere mit beiden Seiten, wenn auch mehr mit den Pro-Argumenten. Also habe ich mich gefragt, ob Synthesen, ein Hybride denkbar sind?

Versuche einer Synthese
  1. Es wäre denkbar, dass ein Mensch so lange zur Vervollkommnung wiedergeboren wird, bis er das Erlösungswerk Jesu erkennt und zum Verlassen des reinkarnischen Selbsterlösungsweges annimmt. Diese Christuserkenntnis wäre dann das, was der Buddhismus unter „Erleuchtung“ und Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) versteht.
  2. Denkbar wäre auch eine Anlehnung an das buddhistische Konzept des Bodhisattva. Dessen Kern ist der Gedanke, nicht nur für sich selbst Erlösung zu erlangen, sondern anschließend in einer (z.B. inkarnierten, was jedoch das buddhistische Konzept so nicht vertritt) Fortexistenz auch anderen zu helfen, sich aus dem endlosen Kreislauf der Wiedergeburten zu befreien.

Fazit: Die Überlegungen zu Reinkarnation und Wiedergeburt im Christentum führen weniger ins Reich Gottes, sondern mehr ins Reich der Spekulationen. Jesus hat wiederholt darauf hingewiesen, dass seine Lehren über die geistliche Realität keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

“Ich hätte euch noch so vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Doch wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch in alle Wahrheit leiten.” – Joh 16,12-13 (NLB)

Reinkarnation und Wiedergeburt gehören wohl zu dem in diesem Zitat angedeuteten (noch) verborgenen Wissen – um das wir uns aber keinen Kopf machen brauchen. Denn laut 2Tim 3,16-17 befähigt die Bibel den ehrlichen Fragesteller schon heute, “völlig tauglich” sowie “vollständig ausgerüstet” zu sein, um alle wichtigen (nur die!) Lebensfragen beantworten zu können.

Ist Dir ein Leben genug?

Foto: Veronica Arreola

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