Wo war Gott in Auschwitz? In seinem autobiografischen Buch “Die Nacht” schildert der ehemalige KZ-Häftling Elie Wiesel, wie in Auschwitz drei Lagerinsassen an den Galgen kommen, darunter ein Kind. Die anderen Inhaftierten werden gezwungen, zuzuschauen. Als Wiesel hinter sich einen Mann fragen hört “Wo ist Gott?”, antwortet eine innere Stimme: “Wo er ist? Dort hängt er, am Galgen…”
Theologie nach Auschwitz obszön?
Nach Auschwitz noch Theologie zu betreiben, kann obszön erscheinen. Nicht wenige Juden haben in ihrer Fassungslosigkeit gleich ihr ganzes religiöses Erbe entsorgt und mit dem Gott ihrer Ahnen abgeschlossen:
“There is Auschwitz, and so there cannot be God.” – Primo Levi
Die Frage nach Gott und Auschwitz ist zweifellos eine der brisantesten, der sich Theologie stellen muss. Auf den (mit-) leidenden Gott gehe ich am “Abend der Dunkelheit” ausführlich ein. Zu diesem Abend gibt es einen bisher unveröffentlichten Exkurs, in dem ich zur Frage, wo Gott in Auschwitz war, einige Überlegungen gesammelt habe.
Wie konnte es Gott so weit kommen lassen? Hätte er die Schoa (dt. “Katastrophe”, hingegen meide ich den Begriff “Holocaust”, da er “Brandopfer” bedeutet) nicht verhindern können? Im Leid beizustehen ist das Eine, es abzuwenden ist das Andere.
Jüngere Forschungsergebnisse liefern Details, die meines Erachtens bislang nicht oder kaum gewürdigt wurden:
1. Stille Helden
Die Anordnungen zu den Deportationen waren bestimmten Personenkreisen bekannt. Ein Teil dieser Kreise (“Stille Helden”) war bereit, sein Wissen an die Betroffenen weiterzugeben. Zahlreiche Überlebende berichteten später, dass sie vorgewarnt wurden und an diesem Tag (oder in diesen Tagen) ihrem Arbeitsplatz fernblieben, aus ihrer Wohnung verschwanden und schließlich untertauchten. Dies geschah mithilfe vieler couragierter Nichtjuden.
Auch Elie Wiesel schildert, dass in seinem ungarischen Heimatdorf die jüdische Bevölkerung mehrfach vor anstehenden Deportationen gewarnt wurde. Der Rabbi des Dorfes wurde sogar Augenzeuge von Massenerschießungen und konnte zurück ins Dorf fliehen. Seinen Schilderungen wurde jedoch kein Glaube geschenkt.
Die Vorstellung von Massenmorden erschien so ungeheuerlich, dass selbst jene, die etwa durch verbotenes Abhören ausländischer Sender von den Vorgängen erfahren hatten, sich sträubten, dies zu glauben. Angebote zur Flucht nach Palästina oder zumindest zum Untertauchen wurden abgelehnt. Man hoffte lieber auf ein Ende der Schreckensherrschaft.
2. Zeitfenster zur Flucht
Bis zum Auswanderungsverbot am 23. Oktober 1941 konnten 350.000 Juden Deutschland verlassen. Ein ähnlich kleines Zeitfenster wie schon zum hastigen Aufbruch aus Ägypten vor rund 3200 Jahren. Weiteren zur Flucht entschlossenen Juden (u.a. der Familie von Anne Frank) blieb die Flucht wegen bürokratischer Hindernisse und einer zunehmend restriktiveren Asylpolitik der Alliierten verwehrt.

3. Alliierte waren informiert
Den Alliierten waren die KZs spätestens ab 1942 bekannt. Zum einen konnten sie seit 1941 den Funkverkehr der Nazis abhören. Zum anderen gab es Schilderungen aus drei unabhängigen Quellen über die Vernichtungslager, die die Berichte bestätigten:
- Der Vizepräsident des Internationalen Roten Kreuzes, Carl Jacob Burckhardt,
- der Vatikan und
- gegen deutsche Staatsbürger in alliiertem Gewahrsam ausgetauschte Juden aus Palästina, die Augenzeugen der Zustände im besetzten Polen geworden waren.
Aus unterschiedlichen Überlegungen (u.a. Asylpolitik, militärische Reichweite, Nachkriegsordnung) lehnten die Alliierten aber ein Eingreifen ab.
4. Theodor Herzl und der Zionismus
Eine schier unfassbar tragische Rolle spielte die Skepsis gegenüber dem Zionismus. Seinem Begründer Theodor Herzl schwebte die Schaffung einer “Heimstätte des jüdischen Volkes” im damalig osmanischen Palästina vor. Der erste Zionistenkongress sollte zunächst in München stattfinden. Dies scheiterte aber an der strikten Ablehnung des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes und des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens (“Protestrabbiner”, Herzl). Als Alternative fand man 1897 Basel. Die vergleichsweise gut integrierten, häufig sehr nationalbewussten, liberalen Kreise jüdischer Bürger in Mittel- und Westeuropa blieben ablehnend. In seiner Herzl-Biografie von 1932 zitiert Manfred Georg den Schriftsteller Thomas Mann:
“Merkwürdig finde ich es, dass man sich eigentlich oft in Deutschland Juden gegenüber direkt in die Nesseln setzt, wenn man solche Ansichten äußert. Als ich zum Beispiel einmal aufgefordert wurde, in das Pro-Palästina-Komitee (25. April 1918 konstituiert, Anm. d. Autors) einzutreten, waren es gerade jüdische Freunde, die in Gesprächen darüber heftig ihre Gegnerschaft kundgaben.”
Am 18. Juni 1895, einen Tag nach Abschluss seiner Programmatik in “Der Judenstaat”, schrieb Herzl an Baron de Hirsch, dem damals führenden jüdischen Philanthropen:
“Den Juden ist vorläufig noch nicht zu helfen. Wenn einer ihnen das gelobte Land zeigte, würden sie ihn verhöhnen. (…) Aber wir müssen noch tiefer herunterkommen, noch mehr beschimpft, angespuckt, verhöhnt, geprügelt, geplündert und erschlagen werden, bis wir für diese Idee reif sind.”
Bei Herzls Begräbnis am 7. Juli 1904 gehörte der Schriftsteller Stefan Zweig mit zu denen, die den verpassten Kairos begriffen:
“(…) niemals spürte man deutlicher, was früher das Gestreite und Gerede unsichtbar gemacht, dass es der Führer einer großen Bewegung war, der hier zu Grabe getragen wurde. Es war ein endloser Zug. Mit einem mal merkte Wien, dass hier nicht nur ein Schriftsteller oder mittlerer Dichter gestorben war, sondern einer jener Gestalter von Ideen, wie sie in einem Land, in einem Volk nur in ungeheuren Intervallen sich sieghaft erheben.” (Die Welt von Gestern, Wien 1952, S. 107)
Die Verschmähung Herzls als kontemporärer Mose oder David ist umso tragischer, als dass vor allem die jüdische Bibel (d.h. unser “Altes” Testament) zahlreiche Prophetien enthält, die Herzls Vision stützen und derentwegen man unter den Rabbinern hätte aufhorchen können:
“Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.” (Hesekiel 36,24)
“Und er wird den Nationen ein Feldzeichen aufrichten und die Vertriebenen Israels zusammenbringen, und die Verstreuten Judas wird er sammeln von den vier Enden der Erde.” (Jesaja 11,12).
“Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!” (Neues Testament, Lukas 13,34)
Spuren und Konstellationen
Wo war Gott in Auschwitz? Damit ich nicht missverstanden werde: Ich nehme uns Deutsche nicht aus der Verantwortung und möchte in der Schuldfrage nichts billig relativieren in dem Sinne von “die anderen sind auch schuld” oder gar “die Juden sind selbst schuld”! Es geht allein um die Frage, wo Gott war? War er wirklich so gänzlich “abwesend”, wie es auf den ersten Blick scheint?
Ich meine, dass die genannten vier Punkte Gottes Geschichtshandeln nicht völlig in Abrede stellen, sein Handeln aber ignoriert, übersehen oder angezweifelt werden konnte.
Zynisches Paradox
Zur Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 (links eine lesenswerte Broschüre als PDF-Download) waren es politische Erwägungen im beginnenden Kalten Krieg, aber auch das schlechte Gewissen gegenüber jenen Millionen Juden, die hätten gerettet werden können, die zur Anerkennung Israels führten.
Der WELT-Redakteur Sven Felix Kellerhoff sieht ein zynisches Paradox:
“Ohne Hitler kein Staat Israel. So grausam kann Geschichte sein: Ohne den mörderischen Antisemitismus mit 6 Mio. Opfern wäre die 2000 Jahre währende Diaspora nicht beendet worden. Angesichts des unvorstellbaren Leids verbietet sich jede “Aufrechnung”.”
Kommen wir auf unsere Ausgangsfrage zurück. Papst Franziskus meinte in Yad VaShem, auf die Frage “Wo war Gott?” (in Auschwitz) müsse die Frage folgen “Wo war der Mensch?”. Und für diesen Menschen gilt seitdem ein Satz, der auf Facebook kursierte:
“Die wahre Antwort auf Auschwitz ist heute nicht das Holocaust-Mahnmal (in Berlin, Anm. d. Autors), sondern unser Verhalten zu Israel.”
Titelfoto: Pastabilities / The Pasta Shoppe – Karte: ZDF
