“Immer Ärger mit Harry” ist ein Film von Alfred Hitchcock: Harry soll heimlich die letzte Ruhe gewährt werden. Doch mit der Ruhe ist es sehr schnell aus, da Harry weiterhin das Dorf auf Trab hält. Ähnlich geht es der Weltgemeinschaft seit 3700 Jahren mit Israel. Insbesondere seit oder trotz Israels Wiedergründung 1948 will der Nahe Osten einfach nicht zur Ruhe kommen.
Immer Ärger mit Israel
“Immer Ärger mit Israel” – so entfuhr es vielen gerade in den letzten Wochen. Mal entsetzt, mal empört, mal beängstigt. Nach dem grauenvollen Massaker der Hamas hielten wir wie nach den Anschlägen vom 11. September den Atem an. Fragten uns, ob denn nun das komme, was geradezu “logisch” erscheine: Vergeltung, Eskalation, Krieg?
Mit “logisch” fängt der grundsätzliche Denkfehler und das Dilemma des Westens an:
- Der Nahosten funktioniert nicht nach Logik, sondern nach Religion.
- Je mehr und länger uns Welterklärer und Propheten wie Peter Scholl-Latour, übrigens ein gläubiger Katholik mit jüdischer Mutter, fehlen, desto weniger verstehen wir das.
- Und überfordert unsere Medien, wie Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann jüngst beklagte.
Vielleicht kann etwas Religionsphilosophie helfen?
Unselige Staatsräson Israel
Aus der Politik gab es wieder mal den Hinweis auf die deutsche „Staatsräson Israel“. Allein dieser, wie Deutschlands Stimmverhalten in der UN zeigt, völlig inhaltsleere Begriff entlarvt, dass wir Israels Existenzkampf über den Kamm einer, nämlich allein unserer Räson (von lt. ratio = Vernunft), also Logik, zu scheren versuchen. Die politische Praxis zeugt eher von Anmaßung und Ignoranz gegenüber Israels Urvätern, Urgeschichte und Urverheißungen.
Schon der flüchtige Blick in Israels Urverfassung, der Tora (uns besser bekannt als die Bücher Mose und im weiteren Verständnis das gesamte Alte Testament), lehrt, dass dieses Fleckchen Erde eben nicht eine wärmere Schweiz oder ein Belgien ohne Pralinen ist. Israel ist eine völlig eigene Kategorie.
“Immer Ärger mit Israel” – dass Israel die göttliche Antithese zum von Menschen entworfenen Völkerrecht ist und sich nicht daraus abgeleiteten politischen Sachzwängen oder gar einer deutschen “Staatsräson Israel” unterwerfen lässt, verspricht Gott schon dem Propheten Sacharja (12,3):
“An jenem Tag mache ich Jerusalem für alle Völker zu einem Laststein. Alle, die versuchen ihn aufzuheben, werden sich schwer daran verletzen. Und alle Nationen der Erde sollen sich gegen Jerusalem versammeln.”
Kulturhistorische Sonderstellung
Ich möchte aber die zu diesem Punkt recht ergiebigen biblischen Textquellen gar nicht weiter bemühen. Das ist Privileg der Theologie, nicht der Philosophie. Israels Staatsgründer David Ben-Gurion hat einmal gesagt:
„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“
Das Volk Israel ist ein rund 3700 Jahre fortdauerndes Wunder der Kulturgeschichte, dem Ronen Rabinovici eine beeindruckende Übersicht gewidmet hat – die auch aus der Expertise eines Peter Scholl-Latour hätte entsprungen sein können.
Aus der Übersicht wird allerdings ein Umstand nicht erkennbar: Das größte Wunder ist, dass es das Volk Israel, die Juden überhaupt noch gibt! Trotz
- Sklaverei,
- 40 Jahre Wüstenwanderung,
- verlustreicher Landnahme,
- Bruderkriegen,
und einem Reigen von
- Invasoren,
- Besatzungen,
- Zerstörungen,
- Vertreibung in die ganze Welt,
- Pogromen,
- Antisemitismus,
- und schließlich dem Versuch der systematischen Vernichtung,
nein – “Harry” alias Israel ist noch immer da, wie mein nachfolgendes Schaubild (mit Israel als blauem Balken) eindrucksvoll zeigt:

Diese (Immer-noch-) Existenz, dieser Trotz eines Volkes, dessen Größe über 3700 Jahre nur selten 2 Millionen überstieg, verweist auf eine rätselhafte Sonderstellung und ruft nach einer Erklärung.
Etwas jenseits menschlicher Weisheit
Von Anat Schneider, Ehefrau von “Israel Heute”-Chefredakteur Aviel Schneider kommt unter den Eindrücken vom 7. Oktober eine ergreifende Deutung, aus der ich zitieren möchte:
“Es ist (…) kein Zufall, dass dem Volk Israel, das kein Land hatte, das Heilige Land verheißen wurde. Denn es bedurfte eines Wunders, um dieses ersehnte Ziel zu erreichen. Und es ist auch kein Zufall, dass der Mann [d.h. Mose, Anm. d. A.], den Gott auswählte, um das Volk durch die Wüste zu führen, ‘schwer von Munde und Zunge’ war. Denn gerade, wenn dieser Mann, dem das Sprechen schwerfiel, Worte verkündete, wussten seine Zuhörer, dass diese Worte von einem anderen Ort kamen (…).
Unsere Vorfahren brauchten den Geist Gottes, um in der Welt zu überleben. Und so ist das Volk Israel bis heute das Volk, das bezeugt, dass es in der Welt etwas gibt, das jenseits ist. Jenseits der Natur, jenseits aller Wunder der Natur und auch jenseits der menschlichen Weisheit. Israel ist [daher] ein Volk, dessen Beitrag zur Menschheit gewaltig ist, weit über seine Größe hinaus.
Israel ist ein Volk, das länger als vielleicht jedes andere überlebt und gelebt hat. Riesige Reiche sind aufgestiegen und untergegangen, aber ‘Israels Ewigkeit wird nicht lügen’ (1.Sam 15,29). Israel existiert bis heute. Trotz aller Katastrophen, trotz Hass und Antisemitismus, trotz Versuchen, das jüdische Volk zu vernichten – es bleibt ein ewiges Volk. Israel ist ein Volk, an dem Gott zeigt, dass der Geist die Natur, die Muskeln und die menschliche Kraft [alias “Räson”, Anm. d. A.] überwinden kann.
Durch das Überleben des Volkes Israel ist es möglich zu verstehen, dass es in dieser Welt etwas gibt, das viel erhabener und beständiger ist (…).”
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Berufen nicht “normal” zu sein
Staatsräson Israel – hören wir besser auf, Israel aus unserer begrenzten profanierten Komfortzone heraus zu belehren:
- Was verstehen wir angesichts umgreifender Gottlosigkeit denn davon, was es heißt, Gottes “Eigentum”, “Augapfel”, “Braut” zu sein? Das sind doch uns völlig rätselhafte Denkkategorien.
- Was verstehen wir davon, mit was für Zumutungen, Demütigungen, Hass und Blutzoll es verbunden war und ist, Gottes Volk zu sein und mit dieser Berufung nie als “normale” Nation in der Völkergemeinschaft verkehren zu können? Der Prophet Hesekiel (20,32) an Israel:
“Niemals wird sich erfüllen, was ihr euch ausgedacht habt, als ihr sagtet: Wir wollen wie unsere Nachbarvölker und wie die Menschen in anderen Ländern sein (…).”
Evidenz für den Faktor “Gott”
Gottlob lässt sich nicht alles in vernünftigen oder logischen Kategorien erfassen. Liebe nicht, Schönheit ebenso wenig, ja nicht einmal die Weihnachtsgeschichte, die uns dank der Überlieferung dieses wundersamen Volkes jedes Jahr verzaubert.
In Anat Schneiders o.g. Deutung liefert der Faktor “Gott” für das Wunder Israel eine religionsphilosophisch faszinierende Evidenz. Ich fürchte, dass wir “Immer Ärger mit Israel” so lange als Wiederholung erleben werden, wie wir
- das Wunder Israel allein immanent zu deuten versuchen;
- Gott als Israels Verbündeten aus dem Spiel halten;
- die Berufung und Bürde Israels vom Berg Sinai, sein Volk zu sein, nicht begreifen.
Übrigens: Ausgerechnet Weihnachten erinnert den Nahosten und Rest der Welt penetrant daran, dass Bethlehem zur Geburt Jesu jüdisch war. Frohe Weihnachten!
Foto für Titelmontage: iStock
