Den Israel-Nahost-Konflikt zu erklären, ist im Grunde einfach: Die Feuerwehr hat uns geschrieben. Keine Einladung zum “Tag der offenen Tür“, sondern eine “Mitteilung über Kampfmittelverdacht“ zu unserem Flurstück. Es ist im Kataster für jedermann einsichtig nun als Verdachtsfläche markiert. Die Auswertung von alten Luftbildern gäbe dazu Anlass.
Eine solche Markierung steht zwar nicht im Rang von Lasten, wie sie im Grundbuch notiert werden – beeinträchtigt aber ähnlich: Tiefbauarbeiten nur noch unter Auflagen und Wohnen mit Bombenstimmung. Das hat eine höhere (Behörden-) Macht über unseren Grundbesitz verfügt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als das zur Kenntnis zu nehmen.
Ortswechsel mit spannenden Parallelen: Im Nahen Osten gibt es ein Flurstück namens “Israel”, dessen Kataster und Grundbuch ebenfalls für jedermann einsichtig ist. Es lässt interessante Antworten zu umstrittenen Fragen zu:
- Welche Grenzen gelten,
- wem das Flurstück gehört und
- wer unter welchen Bedingungen dort leben darf.
Denn je nachdem, wen man befragt, laufen die Vorstellungen zu diesen Fragen weit auseinander. Der Israel-Nahost-Konflikt lässt sich in einem Bild erklären.
Biblisches Kataster
Ich habe kürzlich erklärt, warum Israel ein besonderes Volk ist. Eine Besonderheit habe ich mir für diesen Beitrag aufgehoben: Israel ist wahrscheinlich das einzige Volk,
- dem sein Ursiedlungsraum nach einem 3400 Jahre alten Narrativ
- von höherer Macht, Gott,
- genau abgezirkelt und als Besitz zugewiesen wurde.
Ein meines Wissens nach einmaliger und zudem völkerrechtlich delikater Vorgang. Ob er glaubwürdig und noch heute bindend ist, klären wir später.
Israels “ewige” Grenzen sind im 4. Buch Mose 34 und nochmals beim Propheten Hesekiel 47,13ff wie in einem Kataster festgehalten:
“Die Nordgrenze eures Landes soll vom Mittelmeer bis nach Hetlon verlaufen, dann weiter bis nach Zedad, Hamat, Berota und Sibrajim, das zwischen dem Gebiet von Damaskus und dem Gebiet von Hamat liegt, und bis Hazar-Enan an der Grenze von Hauran. Damit verläuft die Grenze vom Meer bis nach Hazar-Enan. Die Gebiete von Damaskus und Hamat liegen nördlich davon. (…) Die Ostgrenze verläuft mit dem Jordan als Grenze zwischen Hauran und Damaskus und zwischen Israel und Gilead bis zum östlichen Meer und weiter bis nach Tamar. (…) Die Südgrenze soll von Tamar bis zu den Wassern von Meribat-Kadesch verlaufen und dann dem Lauf des Bachs von Ägypten bis ans Mittelmeer folgen. (…) Auf der Westseite soll das Mittelmeer selbst eure Grenze sein bis gegenüber von Hamat. Das soll eure Westgrenze sein.”
In Hesekiel 47,22ff folgt ein Passus, der sich wie ein testamentarisch verfügter Grundbucheintrag liest:
“Dieses Land sollt ihr unter den Stämmen von Israel aufteilen. Ihr sollt es als Erbbesitz für euch und für die Ausländer, die sich euch angeschlossen haben (…) verteilen. Sie sollen wie Einheimische sein unter den Israeliten und wie die Stämme von Israel einen Erbbesitz (…) erhalten. Alle Ausländer sollen im Gebiet des Stammes, bei dem sie jetzt leben, ihren Erbbesitz erhalten. Ich, Gott, der HERR, habe gesprochen!” (Hes 47,21ff NLB)
Keine Zwei-Staaten-Lösung
Der Begriff “Erb-Besitz” stellt klar, dass sich Gott als Erblasser, also Eigentümer des Flurstücks “Israel” versteht und nach seinem Dünken Besitzer bzw. Nießbraucher eingesetzt hat:
- Das Volk Israel und
- nicht-jüdische “Ausländer”, vorausgesetzt, sie schließen sich nach dem Prinzip der Subsidiarität dem Volk Israel an.
Im Grunde so, wie es heute Praxis israelischer Araber oder Christen als gleichberechtigte Staatsbürger ist. Überraschung: Eine Zwei-Staaten-Lösung, d.h. zwei autonome Staaten, für die das Flurstück geteilt wird, kennt dieser Text nicht – und findet sich auch sonst nirgends!
Kurzer Gedankeneinschub: Hat Israel diese Grenzen überhaupt schon mal je “ausgefüllt”? Hat sich Gottes Zusage je praktisch bewahrheitet? Ich meine, ja:
- Zur Blütezeit unter König David und Salomon (ca. 1000 v. Chr.) reichte Israels Herrschaft und Einfluss sogar deutlich darüber hinaus.
- Im Jom-Kippur-Krieg 1973 und im Libanon-Krieg 1982 reichten die nördlichen Frontverläufe bis zu den versprochenen Herrschaftsgrenzen.
Offensichtlich sind diese Grenzen vor allem für Israels Sicherheit nach wie vor relevant. Ob auch politisch sinnvoll, steht auf einem anderen Blatt. Dazu später mehr.
Gott als realpolitische Option?
Die Frage aller Fragen ist, wessen Vorstellung (vgl. Chart „Nahost-Konflikt“) zu den o.g. drei Fragen sticht? Ist Gottes Vision für Israel wirklich zu utopisch, als dass man in diese Richtung realpolitisch spinnen könnte? Fakt ist doch
- Der Libanon befindet sich im Zerfall. Der Zustand Syriens ist leidlich bekannt. Ägypten wird mit einer Militärregierung vorm Bürgerkrieg bewahrt. Lösungen nicht in Sicht.
- Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten, garantiert die Menschenrechte, ist politisch relativ stabil. Kein anderes Land der Region kann das von sich behaupten, auch nicht die palästinensischen Autonomiegebiete, in denen Hamas bzw. Fatah autoritär regieren.
- Angesichts der islamistischen Bedrohung braucht ein schwaches Europa ein starkes Israel als Bollwerk und stabilisierende Regionalmacht.
Ist es da weise, Israels Feinden in die Hände zu spielen und durch eine riskante Teilung Israels Sicherheit zu schwächen? Könnte stattdessen ein Israel in seinen Urgrenzen nicht zu einem noch größeren Segen für die Region, ja für die Welt werden? Gottes Plan hört sich zumindest danach an:
“Israel ist dann der Dritte im Bunde, ein Segen für die ganze Erde.” (Jes 19,24 HFA)
Beharrlich gepflegtes Narrativ
Gottes Vorstellungen als Maxime der Realpolitik – dafür braucht es Chuzpe. Denn da könnte ja nun jeder mit “seinem” Gott kommen, um alles Mögliche zu beanspruchen. Ich meine aber, dass es kein zweites Volk gibt, das so beharrlich und eng sein Narrativ vom ewigen Kataster mit seinem Ethos verschränkt hat:
- nämlich seit 3700 Jahren,
- unter der Bürde und Zumutung, von Gott “ausgesondert” (Wortsinn von “heilig”) worden zu sein,
- was Israel in Leiderfahrungen geführt hat, wie kein anderes Volk.
Kein Volk hält so etwas allein aus frommen Dünkel oder in der Hoffnung, damit die Welt zu beeindrucken, durch. Wer sich mit der Geschichte dieses Volks unvoreingenommen näher beschäftigt, muss sich schon sehr verbiegen, um Gott als innerweltlichen Faktor auszuschließen. Nein, dieses Narrativ ist mehr als ein Märchen aus 1001 Nacht.
Illusion vernünftiger Lösungen
Der Israel-Nahost-Konflikt erklärt sich wesentlich mit dem Unvermögen bis Unwillen der Weltgemeinschaft, seine religiösen Wurzeln zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen abwägen, ob wir weiter völkerrechtlich “vernünftigen”, aber letztlich illusorischen Vorstellungen folgen:
- Realpolitisch hat sich die Zwei-Staaten-Lösung mit dem Trauma vom 7. Oktober 2023 ein für alle Mal erledigt.
- Das Vertrauen zwischen Juden und Arabern im Heiligen Land ist auf einem absoluten Tiefpunkt.
- Die Hamas demonstriert in Gaza, was von der Hoffnung “Land gegen Frieden” zu halten ist.
Wenn es einen Gott Israels gibt, so ist es keine gute Idee, gegen ihn zu opponieren. Die Bibel ist voll von gescheiterten Versuchen. Warum nehmen wir nicht mal versuchsweise an, dass hier eine höhere Macht im Bunde ist, deren Vorstellungen und Markierungen sich wie bei unserem Flurstück in Hamburg durchsetzen werden? Egal, ob wir es glauben oder nicht.
