Du kennst das: Im Supermarkt greifst Du zur Lieblingsschokolade, und plötzlich ist die Tafel 10 Gramm leichter – bei gleichem Preis. Hersteller nennen das “Optimierung der Portionsgröße”, die Verbraucherzentralen schimpfen es “Mogelpackung”.

Genauso lief’s bei der Bibel: Kein neuer Glaube, kein Rabatt – aber 10 % weniger Inhalt zum selben Preis. Nur dass es sich hier nicht um Schokolade handelt, sondern um die Heilige Schrift.

Martins private Redaktionskonferenz

Es ist das Jahr 1522. Martin Luther, frisch aus dem Schutzprogramm auf der Wartburg zurück, denkt sich: Wenn schon Reformation, dann richtig. Also schnappt er sich Bibel, Feder und Mut zur Lücke. Das Ergebnis: Eine um rund 10 % geschrumpfte Bibel. Von 73 auf 66 Bücher – eine “Light-Version” der Heiligen Schrift. Oder, um es im Stil heutiger Produktwerbung zu sagen:

“Jetzt mit 7 Büchern weniger – und gleichem göttlichem Geschmack!”

Sieben auf einen Streich gestrichen

Daran glauben müssen die Bücher

  • Tobit,
  • Judit,
  • Weisheit,
  • Jesus Sirach,
  • Baruch,
  • 1. Makkabäer,
  • 2. Makkabäer

plus ein paar Bonuskapitel bei Daniel und Esther. Alles raus aus dem Hauptprogramm, ab in den Anhang als “Apokryphen” (gr. für “verborgene Schriften”). Er schreibt freundlich dazu:

“Nützlich und gut zu lesen, aber nicht heilig genug.”

Übersetzt heißt das: “Kann man schon drinlassen, aber ich übernehme keine Verantwortung.”

10 % weniger Inhalt in jeder Lutherbibel - ein Deal auch für Dich?

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Wie den Juden, so den Christen

Obgleich Luther gegenüber Juden nicht gerade zimperlich aufgelegt war, wollte er zurück zu ihren, also den hebräischen Quellen. Die jüdische Bibel, der Tanach, hatte diese Bücher nicht. Eine frühe griechische Übersetzung des Alten Testaments, die sogenannte Septuaginta (LXX), hatte sie wiederum. Wie auch immer: Wenn die Juden sie auf Hebräisch nicht hatten, dann, so dachte Luther, sollten die Christen sie auch nicht brauchen.

Außerdem gingen ihm einige theologische Spitzen gegen den Strich:

  • Gebete für Verstorbene? Klingt zu katholisch.
  • Fürbitten der Heiligen? Klingt nach Rom.
  • Tugendhafte Ratschläge aus Sirach? Klingt nach Schwiegermutter.

Also – raus damit.

Theologische Diät im Alleingang

Die protestantische Bibel war geboren – kompakter mit 10 % weniger Inhalt. Eine gewagte, theologische Diät im Alleingang, an der in reformatorischen Kreisen bis heute nicht gerüttelt wird.

Das katholische Gegenstück, die Trienter Bibel, blieb dagegen bei 73 Büchern und erhob – wie die Kirchen des Ostens, Syriens und Äthiopiens – die fehlenden sieben feierlich zum “offiziellen Kanon”. 1500 Jahre Tradition haben schließlich auch Gewicht. Da könnte ja sonst jeder kommen.

Fünf Jahrhunderte später feiern wir den Reformationstag – mit Kürbis und Thesen. Die Bibel wurde nichtsdestotrotz zum Bestseller – mal mit mehr, mal mit weniger Inhalt. Wenn Du selbst vergleichen möchtest, findest Du in meiner Literaturliste drei empfehlenswerte und außergewöhnliche Bibelausgaben, die Dir gefallen könnten!

Foto: Adobe AI

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