Esoterik und christlicher Glaube aus der Perspektive eines langen Lebens – der Blick ins Inhaltsverzeichnis nötigt Respekt ab. Hier wagt jemand den weiten Wurf – er versucht nicht weniger als die 10 wichtigsten existenziellen Fragen des Menschen zu beantworten. Und zeigt keine Scheu vor der geistesgeschichtlichen Schwergewichtsklasse, d.h.

  • dem Sinn des Lebens,
  • der Wiedergeburt,
  • der Vorherbestimmung,
  • der Theodizee (Rechtfertigung des Leides) usw.

Was der Autor Hans-Jürgen Wagner dann auf 340 Seiten sorgfältig strukturiert, untergliedert und grafisch illustriert bescheiden als

“ein esoterisches Erkenntnisbuch”

abliefert, hat den Umfang eines Katechismus (d.h. “Unterweisung in Glaubensfragen”) der Esoterik, wenn ich das mal so nennen darf.

“Für spirituell offene und suchende Menschen”,

wie die Widmung versichert. Zu denen zählt sich Wagner vor allem selbst: “Kirchengläubig und bibelkundig” erzogen in einer protestantischen Diaspora des katholischen Westfalens gerät er als junger Erwachsener in eine Existenzkrise. Seine bisherige Frömmigkeit wird zutiefst erschüttert und kippt ihn aus dem “Schoß der Kirche”. Nach dieser Zäsur beginnt Wagner, aus esoterischen Quellen “inneres Heil in einer selbst gemachten Philosophie” zu suchen.

Der etwas lang geratene Buchtitel

“Der lange Rückweg unserer Seele ins Licht – und die wichtigsten Orientierungsfragen auf dieser Reise”

ist daher auch als (s)ein persönliches, philosophisch-geistliches Vermächtnis zu verstehen.

Der Leser bekommt nicht nur die aus einem über 80-jährigen Leben gereiften Erkenntnisse und Einsichten, sondern auch einen ohne jeglichen Missionseifer in sympathischen Erzählton vorgetragenen Reisebericht, dessen Etappen bzw. großen Fragen jeweils mit einer prosaischen Ansichtskarte als Quintessenz abgeschlossen werden.

Wagner pflegt keine wissenschaftlichen Ambitionen, was bei seinem Verständnis des Begriffs “Esoterik” als “verborgenes Wissen” auch überraschen würde. Dadurch liest sich sein Buch, von lästigen Gender-Sternchen einmal abgesehen, auch für religionswissenschaftliche Laien leicht und flüssig.

Problematische Aspekte
  1. Hauptquellen sind neben persönlichen Erfahrungen (die naturgemäß nicht widerlegbar sind) ein diffuses, esoterisches Schwarmwissen sowie Séancen mit Menschen als sog. spirituelles “Medium” (Channel). Deren Vertrauenswürdigkeit wird nicht weiter hinterfragt bzw. mit dem nebulösen Begriff “Quelle” abgehakt. Hier stünde, wie es seriöse Hermeneutik auszeichnet, eine Quellenkritik gut zu Gesicht.
  2. Wagner scheltet zwar (z.T. zurecht) die gegenüber esoterischem “Wissen” reservierte Dogmatik der Kirche, spielt aber dann wie selbstverständlich eine Rochade zwischen kirchlicher und esoterischer Dogmatik. Er verwendet den Begriff “Wissen” großzügig, obgleich mangels Quellenkritik (s. 1.) viele seiner Erkenntnisse nicht über den Rang von Spekulation bis Metaphysik hinausreichen.
  3. Durch das Buch ziehen sich einige grundlegende Missverständnisse und Fehlannahmen zum christlichen Glauben. Das ist sicher weniger Wagner selbst anzulasten als vielmehr einer schiefen Katechese, die Vertreter der Volkskirchen ihm zugemutet haben (müssen)? Viele der beklagten Spannungen zwischen Esoterik und christlichem Glauben sind bei genauer Betrachtung gar keine oder zumindest überbrückbar.
  4. Es werden Probleme und Widersprüche ausgeklammert, die einige seiner Erkenntnisse aufwerfen. Z.B. das Amnesie-Dilemma bei einer Wiedergeburt. Das Christentum hatte auch nachvollziehbare und vernünftige Gründe, sich im Zweifel von esoterischem “Wissen” abzugrenzen.
Chancen des Buches

Trotz und z.T. auch wegen dieser Probleme verdient das Buch Aufmerksamkeit und Würdigung!

  1. Es liefert einen interessanten Rundgang durch das breite Spektrum von Esoterik, wie man ihn sonst nur auf den einschlägigen Esoterikmessen entlang schlendern kann. Wagner versucht mit beachtlicher Akribie buchstäblich “Licht” in dieses Genre zu bringen, zu erklären, Irrtümern entgegenzutreten – und leistet damit einen wertvollen Dienst auch für Lesergruppen außerhalb der “Szene”.
  2. Da ist die Person des Autors selbst, die stellvertretend als Mahnmal für immer mehr Menschen steht, die mit ihren Fragen von der Kirche und unverständlicher Dogmatik nicht mehr erreicht werden. Vom verlorenen Kredit durch Skandale ganz zu schweigen. Das Buch führt dialoginteressierte Christen auf Augenhöhe mit Esoterikern, liefert Hintergrundwissen als Voraussetzung zu tieferem Verständnis und respektvollem Dialog mit spirituellen Freidenkern.
  3. Wagner legt den Finger an eine Schwachstelle der heutigen Kirche: Kirche sollte auch Erfahrungsraum und -gemeinschaft des Göttlichen sein. Unter dem Begriff “Mystik” hat sie Blütezeiten erlebt, deren Praxis und Ertrag heute vielerorts fehlen. Hier kann Kirche von der Esoterik lernen. Sie muss sich auf eigene Tradition und spirituelle Expertise rückbesinnen. Das Buch ist Zeugnis von der Not und dem Bedarf.
  4. Schließlich muss sich jeder Verantwortliche im Katechumenat seiner Kirche oder Gemeinde fragen, mit welchem schiefen Verständnis manche Christen gefirmt, konfirmiert oder anderweitig belehrt wurden und werden. Das Buch wirft einen Schatten auf den christlichen Sendungs- und Lehrauftrag. Die Causa “Wagner” gilt es aufzuarbeiten. Hierzu ist das Buch nicht nur Vermächtnis, sondern auch Befund.

Fazit: Ein lesenswerter “Katechismus der Esoterik”, in dem ein früherer Christ seinen Weg in und durch die Esoterik dokumentiert und deren – freilich subjektives – Substrat zu existenziellen Fragen vorstellt. Vor allem Christen gewinnen nützlichen Einblick in für sie oftmals rätselhafte bis spukhafte Erkenntnisse und Phänomene – wobei ein bekanntes Paulus-Zitat gilt:

“Prüft alles, das Gute behaltet! (…) Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer ganzes [Wesen], der Geist, die Seele und der Leib, möge untadelig bewahrt werden bei der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus!” (1Thess 5,21ff)

Esoterik Katechismus Christentum“Der lange Rückweg unserer Seele ins Licht – und die wichtigsten Orientierungsfragen auf dieser Reise” von Hans-Jürgen Wagner, 340 Seiten, Verrai Verlag, ISBN 9783948342715

Hinweis: Mir wurde ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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