Kann Gott aus der Kirche austreten? Ein Kirchenaustritt Gottes!? Mit dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch verbindet mich derselbe Geburtstag, dieselbe Heimat, derselbe Glaube. Als Schüler und Student habe ich keine seiner Vorstellungen im Aachener Audimax versäumt.
Ich möchte ihn mit einem Text von 1987 ehren, den er zwei Jahre später auf dem 23. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin vortrug! Er ist von beklemmender Aktualität: Gott ist aus der Kirche ausgetreten.
Entfremdung der “Volkskirchen” von Volk und Gott
Heute erreichen uns mal wieder, dieses Mal aus Frankreich, fürchterliche Schlagzeilen wie “Französische Missbrauchsstudie: 216000 minderjährige Opfer seit 1950 – Schande!“, die vom Bankrott der Volkskirchen zeugen. Hüsch sah die Entfremdung der “Volkskirchen” vom Volk, ja sogar von Gott kommen. Er hielt die Zeit für gekommen, Gott neu zu suchen – nachdem Gott aus der Kirche ausgetreten ist:
Religiöse Nachricht
Es ging ein wenig schnell und war auch ein wenig flüchtig – fast hatte ich den Eindruck, dass es Absicht war – als neulich die Nachricht um die Erde lief, Gott sei aus der Kirche ausgetreten.
Viele wollten das natürlich nicht glauben, ist ja logisch. „Lüge, Propaganda, Legende!“ sagten sie.
Bis die Oberen und Mächtigen der Kirche sich erklärten und mit einem sogenannten Hirtenbrief folgendes erzählten:
„Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft nahegelegt, doch das Weite aufzusuchen, aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört: Nämlich seine wolkenlose Musikalität, seine Leichtigkeit, und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld. Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen und zu helfen – sogar denen, die ihn stets verspottet.
Seine Heiterkeit und seine Komik, Großmut bis zur Selbstaufgabe, sein utopisches Gehabe, seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben. Seine Virtuosität des Geistes über allem, allenthalben, auch sein Harmoniekonzept, bis zur Meinungslosigkeit, seine unberechenbare Größe und vor allem seine Anarchie des Herzens.
Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte unter Hausarrest gestellt – äußerst weit gelegen, dass er keinen Unsinn macht.“
Viele Menschen, als sie davon hörten, sagten: „Ist doch gar nicht möglich. Kirche ohne Gott? Gott ist doch die Kirche! Ist doch eigentlich nicht möglich – Gott ist ja die Liebe und die Kirche ist die Macht – und es heißt: die Macht der Liebe. Oder? Oder geht es nur noch um die Macht?“
Andre sprachen: “Auch nicht schlecht: Kirche ohne Gott – Leute, warum nicht Kirche ohne Gott? Ist doch gar nichts Neues! Gott kann sowieso nichts machen. Heute ist doch wirklich alles anders. Nee nee, Gott ist out, Gott ist out, als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen. Und die Kirche hat zur richtigen Zeit das Steuer rumgeworfen. Kirche ohne Gott – das ist der neue Slogan.“
Doch den größten Teil der Menschen sah man hin und her durch alle Kontinente ziehen, und sie sagten: „Gott sei Dank. Endlich ist er frei. Kommt, wir suchen ihn.“
(aus: Der große Hüsch, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011)
Hier geht es zu einer Videoaufzeichnung von Hüschs feinsinniger Kirchenkritik.
Außerhalb von Kirche
Tatsächlich beginnen mehr und mehr Menschen, außerhalb der Volkskirchen nach Gott zu suchen und zu fragen. Denn Gott war nie “tot”, wie der Philosoph Nietzsche unkte, sondern ist quicklebendig und wartet sehnsüchtig darauf, von uns aufgespürt zu werden. Doch viele Menschen stehen nach ihrem Kirchenaustritt hilflos vor der Frage, wie sie Gott (wieder-) finden, ja ansprechen können? Denn dieses “Außerhalb von Kirche” ist ein weiter Raum, in dem mancher die Orientierung verliert und auf Irrwege gelangt. Ein Kirchenaustritt ist schnell gemacht, aber wie kann es dann weitergehen?
Dabei ist es im Christentum so einfach: Der Weg führt zu uns, in uns: Gott lässt sich auf dem Grunde eines klaren Herzens finden. Er ist ganz nah, nur wir sind meist weit weg. Zerstreuung, Ablenkung, Betriebsamkeit und Ruhelosigkeit sind Symptome unserer Zeit, die Gottes leise, feine Stimme übertönen und uns die Begegnung mit ihm und uns selbst erschweren.
Spiritualität für zu Hause
Am Abend der Klarheit zeige ich mit dem kontemplativen Gebet einen Weg nach dem Kirchenaustritt in die “innere Kirche”, also an einen Ort der inneren Stille und Ruhe. Ein Ort, an dem schlichte, schweigende Präsenz als Gebet aufsteigt – und Raum für die Gottesbegegnung öffnet. Ohne Kirche.
Kontemplatives Gebet und sein innerer Ort sind seit einigen Jahren auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. So hat man Mönche während kontemplativen Gebets im Tomografen beobachtet und Entdeckungen gemacht, die die Chefetagen der Pharmawirtschaft in Aufruhr versetzen. Unter der Frage “Wie erotisch ist Gebet?” stelle ich Forschungsergebnisse vor, die sensationell sind.
Foto: Playground AI
