Errätst Du, von wem dieser Hymnus stammt:
O du selige Jungfrau und Mutter Gottes,
wie bist du so gar nichts
und gering geachtet gewesen,
und Gott hat dich dennoch
so überaus gnädig
und reichlich angesehen
und große Dinge an dir gewirkt.Du bist ja deren keines wert gewesen.
Und weit und hoch
über all dein Verdienst hinaus
ist die reiche, überschwängliche
Gnade Gottes in dir.O wohl dir, selig bist du
von der Stund an bis in Ewigkeit,
die du einen solchen Gott gefunden hast!
Wer könnte der Verfasser sein? Vorsichtig Weiterscrollen, die Antwort steht unter dem Abstimmungskasten. Nicht schummeln…
Es ist Martin Luther, nachzulesen im katholischen Gesangbuch “Gotteslob”, Nr. 10,3. Überrascht? Dass ausgerechnet Luther als Galionsfigur der Reformation Maria geehrt hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Seit geraumer Zeit besuche ich sonntäglich den Hamburger Mariendom. Nomen ist Omen: die dort eher dezent gelebte Marienfrömmigkeit führt mich aus der protestantischen Tradition kommend zur Frage: Wie halte ich es mit Mariens VIP-Status?
Wie ein Reel auf Facebook oder TikTok
Mein Weg zur Antwort führt über ein bewegendes Video. Der Song “Be Born In Me” stammt von einem einzigartigen Album namens “The Story”: Alle Songs werden in der Ich-Perspektive verschiedener Figuren der Bibel gesungen.
Ohne Verklärung und Weichzeichner werden die Figuren in ihrem Terroir, ungeschminkt, unperfekt gezeichnet – und rücken den Betrachter wie ein Reel auf Facebook oder TikTok unerwartet nah an die Krippe von Bethlehem.
Der Refrain beschreibt Marias aufgewühltes Inneres. Hier das Original:
Be born in me, be born in me
Trembling heart, somehow I believe
That You chose me
I′ll hold you in the beginning
You will hold me in the end
Every moment in the middle
Make my heart your Bethlehem
Be born in me
Die Übersetzung:
Werde in mir geboren, werde in mir geboren,
Zitterndes Herz, und doch glaub ich daran,
dass Du mich erwählt hast.
Ich halte Dich am Anfang,
Du hältst mich am Ende,
und in jedem Augenblick dazwischen –
Mach mein Herz zu Deinem Bethlehem,
werde in mir geboren.
Mal ganz abgesehen vom biologischen Wunder ihrer Schwangerschaft, den Umständen und Strapazen der Geburt, berührt mich Mariens demütiges Herz und Gottvertrauen immer tiefer. Meine Bewunderung Mariens als himmlische VIP gilt vorrangig vier Aspekten.
1. Maria als erste Christin
2024 wurde mein Großvater Albrecht Maass in Chile posthum mit einer kleinen Ausstellung und Publikation geehrt. Wofür? Er hat dort in den 30er Jahren einige 6.000er unter nach heutigen Maßstäben erstaunlich primitiven Umständen erstbestiegen. Dass Erstbesteiger geehrt werden, finden alle normal. Nicht minder die Ehrungen wie die des ersten Menschen am Nordpol oder auf dem Mond.
Maria kann mit Fug und Recht als die erste Christin angesehen werden, als “Erstbesteigerin” des Glaubens. Bei Jesu Geburt sah sie dem Messias als Erste in die Augen. Ohne ihren Glauben gegenüber der Verheißung des Engels und ihrer Hingabe als Mutter an Jesus, nach seiner Kreuzigung an die Jünger, wäre das Christentum nur herzerwärmende Theorie geblieben. Was also soll so skurril sein, Maria als VIP, als Pionierin des Glaubens zu ehren?
2. Maria als Vorbild im Glauben
Man möchte denken, das Vorbild von Christen sei eben der Christus, also Jesus. So wie Buddha und Mohammed für ihre Anhänger. Aber Jesus ist für Christen kein edles Vor-Bild, das sie in ihrem Leben (innerlich) vor sich bildhaft hertragen und somit immer einen Rest von Distanz wahren. Sie imitieren ihn auch nicht. Was für ein erbärmliches Schauspiel wäre das!?
Jesus ist das Ziel, der Zustand, zu dem und in den er unser Denken, Fühlen und Handeln verwandelt.
“Seid verwandelt durch die Erneuerung eures Sinnes“ (Röm 12,2)
Dieses Konzept ist u.a. zu erkennen in der Eucharistie, in der Brot und Wein wesentlich (also nicht materiell) zu Jesus verwandelt werden und die Aufnahme seines Fleisches und Blutes die Wesenheit eines Gläubigen transformieren.
Insofern machen Maria (und Heilige) als Vorbilder Sinn. Sie können exemplarisch zeigen,
- wie “Glauben” konkret gelebt wird,
- was (menschlich) möglich ist, wenn Gott am Menschen handelt.
3. Maria als Mutter der Kirche
Man sagt, eine Mutter trägt ihr Kind neun Monate unter ihrem Herzen, aber ein Leben lang in ihrem Herzen. Wenn die Kirche der Leib Christi ist, so trägt Maria auch die Kirche mit ihren Nöten und Herausforderungen in ihrem Herzen.
Es gibt zahllose Mütter der Geschichte, die nicht nur Erzieherinnen, sondern auch Akteurinnen, Beraterinnen und Strateginnen ihrer Söhne (und manchmal Töchter) waren. Drei prominente Beispiele:
- Maria Theresia (Mutter von Joseph II. und Leopold II.) – Herrscherin über die Habsburgermonarchie, formte die Zukunft Europas und bereitete ihre Kinder intensiv auf ihre Rollen als Herrscher vor.
- Luise von Preußen (Mutter von Wilhelm I.) – Symbol nationaler Identität in Preußen, half mit, den Widerstand gegen Napoleon zu stärken.
- Rose Kennedy (Mutter von John F. Kennedy, Robert F. Kennedy und Edward Kennedy) – Einflussreiche Matriarchin der Kennedy-Familie, formte das politische Denken ihrer Kinder.
Maria ist natürlich keine Mutter der Kirche im politischen Sinne, aber eine identitätsstiftende und wegweisende Gestalt für ihren Glauben. “Mutter der Kirche” bezieht sich mehr auf ihre geistliche Verbundenheit mit den Gläubigen als auf eine aktive Führungsrolle. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
4. Maria als Fürbitterin
“Kannst Du für mich beten?” – Stellvertretende Fürbitte ist in allen christlichen Milieus gängige, solidarische Praxis. Gegen die Fürbitte Mariens wird oft eingewendet, Maria sei doch tot und die Inanspruchnahme von Toten ein biblisches Tabu. Damit fällt aber die Aktualität der Auferstehung in sich zusammen.
“Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein.” (Lk 23.43 EÜ)
Sagt Jesus zum reuigen Verbrecher am Kreuz neben ihm. Und bei Jesu Verklärung auf dem Berg Tabor erscheinen und reden Mose und Elia mit ihm. Mose war schon seit Jahrhunderten tot (2Mo 34,5–6), Elia wurde laut 2Kön 2,11 entrückt.
Auferstehung ist offensichtlich nur aus unserer räumlich-zeitlichen Perspektive Zukunft, bei Gott ist der Zeitbegriff anders. Ergo lebt Maria, möglicherweise in der Nähe oder gar im Angesicht ihres Sohns. Warum sollte sie dort nicht ansprechbar sein?
Allerdings warnt Franz Courth in “Das Marienlob bei Martin Luther – eine katholische Würdigung”:
“So darf etwa die Fürbitte Mariens nicht so gesehen und vollzogen werden, als ob der gestrenge Gott der begütigenden Beschwichtigung durch Maria oder einer nachdrücklicheren Information durch Heilige bedürfe.”
Fazit und Ausblick
Für Luther kann Marienehrung nur Lob der grundlosen und zuvorkommenden Gnade Gottes sein. Aber keine Huldigung wie im “Salve Regina”. Nach den besprochenen Aspekten erscheint mir das zu eng gefasst.
Courth meint, dass wo im Kontext von Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen ein kämpferisch-aktivistisches Marienbild (wie z.B. das der “Maria 2.0”-Initiative) gezeichnet wird und den Boden für Eigendünkel und Selbstüberschätzung legt, Maria “das allervornehmste Beispiel der Gnade Gottes” (Luther) ist. Dann kann ihre Ehrung davor bewahren, die Bruchstückhaftigkeit unseres eigenen Tuns vor lauter Aktivität und Kampf zu übersehen und Gnade zu einem Fremdwort werden zu lassen. Allerdings:
“Katholiken werden aber nicht nur theologisch-argumentativ ihre Verehrung Mariens zu erklären versuchen und dabei Martin Luther in vielem als Gewährsmann nennen können. Sie werden sich vor allem auch um eine Praxis mühen müssen, die Missverständnissen vorbeugt.”
Titelbild: GetImg AI