Ein Regenschauer hatte uns auf den Kanaren in ein Café getrieben. Am Eingang hing eine Illustration eines mir bis dato unbekannten Kaffeegetränks: “Zaperoco” (auch “Barraquito”) mit imposanter Schichtenoptik:
- Den Boden bildet “Leche”, jene in Spanien u.a. für Cortado populäre süße Kondensmilch.
- Darauf kommt ein Schuss “Licor 43” (alternativ “Aurum 1715”),
- doppelter Espresso und schließlich
- eine Krone aus Milchschaum, garniert mit Zimt und einer Zitronenzeste.
Hier einige Rezepte.
Als mein erster Zaperoco vor mir stand, tauchte ich den Löffel mehrmals bis zum Boden, führte ihn sorgfältig wieder an die Oberfläche um so “Querschnitte” zu verkosten. Das, was mir meine Geschmacksknospen da meldeten, traf mich wie ein Blitz. Ich ließ den Löffel fallen, es zog mich vom Stuhl, ein lang gezogener Seufzer tiefsten Entzückens entfuhr mir und ich verdrehte die Augen: süße Leche mündete in ein raffiniertes Feuerwerk aus Zitrus-, Gewürz- und Vanillearomen, die perfekt kontrastiert wurden von nussigen Röstaromen des Espresso und mich sanft in eine mild-schaumige Milchwolke schaukelten.
Per Handzeichen bekam ich zu verstehen, dass ich umrühren müsse. Noch widerstrebte es mir, dieses Kunstwerk wie ein tibetisches Sandmandala zusammenzufegen – aber der strenge Blick der Bedienung ließ mir keine Wahl: Was ich anfangs als betörende Einzelstimmen vernommen hatte, streichelte nun meine Sinne als Orchester. “Flüssige Erotik!”, raunte ich meiner erstaunten Frau zu.
Benediktinerpater Anselm Grün schildert in “Mystik und Eros”, wie der franz. Schriftsteller Marcel Proust eine erotisch-mystische Erfahrung beim Genuss eines Stück Kuchens machte:
“In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen.”
Vor einigen Wochen hatte ich dargelegt, dass es gute Gründe gibt zu fragen, ob solche Erfahrungen auf unsere irdische Existenz beschränkt sind – oder uns im Himmel wiederbegegnen werden? Ich hatte im ersten Teil dieses Blogbeitrags zugespitzt gefragt: “Kein Sex im Himmel?”, womit ich weniger auf die organischen und mehr die sinnlichen Aspekte, d.h. Erotik im Christentum abziele.
Befragst Du die Bibel, so findest Du drei Indizien, die Anlass zur Skepsis geben:
1. Ehe als irdisches Konstrukt
“Denn in der Auferstehung heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie die Engel Gottes im Himmel.” (Mt 22,30)
Da die Bibel Sex nur unter dem Schutz des Ehebundes kennt, könnte man aus diesem Zitat Jesu schließen, dass im Himmel für Sex die entscheidende Voraussetzung fehlt.
2. Geistlicher Leib löst natürlichen ab
“Und es gibt himmlische Körper und irdische Körper; (…) es wird gesät ein natürlicher Leib, und es wird auferweckt ein geistlicher Leib.” (1Kor 15,40)
Dieses Zitat Pauli hat eine gewisse Deutungsambivalenz: “Geistlicher Leib” klingt nach Geistwesen, das zu keinerlei körperlichen Erfahrungen mehr imstande ist. Es ist aber auch eine gegenteilige Auslegung vertretbar, mehr dazu später.
3. Himmel erfüllt Sehnsüchte
“Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde, sodass man an die früheren nicht mehr gedenkt und sie nicht mehr in den Sinn kommen werden; sondern ihr sollt euch allezeit freuen und frohlocken über das, was ich erschaffe.” (Jes 65,17-18a)
Diese und viele weitere Bibelstellen schildern den Himmel als vollendeten Ort, der entweder alle unsere Sehnsüchte erfüllt oder wir ihrer nicht mehr gedenken (brauchen). Die Mystik hat das erotische Sehnen und Verlangen nach körperlicher Einung mit dem anderen Geschlecht immer wieder als Hinweis auf das Sehnen nach bzw. den Einungswunsch mit Gott gedeutet. Im Himmel aber steht die Seele angesichts Gottes Herrlichkeit ganz unter dem überwältigenden Eindruck des “Originals”, bei dem das verzehrende Begehren des Göttlichen endlich seine Erfüllung findet – und daher erlischt.
Also kein Sex im Himmel? Nein. Zumindest nicht so wie Du ihn kennst oder Dir vorstellst. Denn es gibt dort etwas Besseres! Dafür sprechen diese Indizien:
1. Ehe als Schutzraum für Sex
Erotik im Christentum? Das Christentum gilt “traditionell” als lust- und sexfeindlich. Wieso eigentlich? Was machst Du mit Dingen, die Dir viel bedeuten, die besonders schön und wertvoll sind? Genau, Du schützt sie! Und genau das ist die Haltung Gottes zu Sex. Er findet Sex so schön und wertvoll, dass er ihn in den intimen Schutz- und Vertrauensraum der Ehe gestellt hat. Wenn Gott sich so viel Gedanken und Sorge zu unserem irdischen Vergnügen macht, wie viel mehr zu unseren himmlischen Vergnügen?
2. Intensität von Nahtoderfahrungen
Zu den durchgehenden Merkmalen von Nahtoderfahrungen gehört der Eintritt in eine Sphäre deutlich intensiverer (bis gänzlich unbekannter) Farben, Düfte und Musik, die als unbeschreiblich schön beschrieben werden und die Betroffenen nachhaltig beeindrucken. Die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit überdauert offensichtlich den Tod, ja scheint sich befreit von der körperlichen Hülle regelrecht zu potenzieren. Es erschließt sich nicht, warum ausgerechnet erotische Erfahrungen davon ausgenommen sein sollten.
3. Theologie mit den Sinnen
Wie bei keiner anderen Religion sind im Christentum Theologie und Sinne miteinander verschränkt. Nahezu alle Künste standen und stehen im Dienst, Gottes Herrlichkeit sinnlich erfahrbar zu machen. Besuche eine Kathedrale oder höre Dir die Musik von Bach oder Händel an – und Du kannst erahnen, was ich meine.
Dazu zählt auch der gedeckte Tisch mit seinen Sinnesfreuden. Immerhin liegen die Anfänge des Christentums in einer Tischgemeinschaft bei Brot und Wein, die sich nach der Auferstehung im Himmel als große Festgesellschaft an einem herrlichen Bankett wiedertrifft. Und dass Auferstehungsleiber durchaus sehr real essen und trinken (ohne dass etwas auf den Boden “durchsackt”) können, führt Jesus nach seiner Auferstehung bei einem Frühstück selbst vor (Joh 21). Der Himmel als fader Ort genussbefreiter Askese? Fehlanzeige, Halleluja!
4. Zusammenhang von Religion und Erotik
Immer mehr Studien belegen, dass bei Religion und Erotik dieselben oder zumindest benachbarte Gehirnareale aktiv sind, die mit Vergnügen und Belohnung verbunden sind. Dieser neuronale Befund könnte erklären, warum bekannte Mystiker wie Teresa von Ávila oder Mechthild von Magdeburg bei intensiver Hingabe (wie Stillegebet und Kontemplation) Verzückung körperlich einem Orgasmus ähnelnd erlebten. Mechthild betet:
“Du bist (wie) ein inniger Kuss meines Mundes.”
und
“O du ruhender Gott an meinen Brüsten.”

Berninis berühmte Skulptur von der gottverliebten Teresa zeigt die Durchbohrung ihres Herzens als erotische Verzückung. Teresa beschreibt die Verquickung von ungeheurem Schmerz und überwältigender Zärtlichkeit so:
“Es ist eine so zärtliche Liebkosung, die sich hier zwischen der Seele und Gott ereignet.”
Mystische Erfahrungen können oder müssen gar in einer erotischen Sprache ausgedrückt werden. Georg Bataille schreibt in “Mystik und Erotik”:
“Es gibt offenkundige Ähnlichkeiten, sogar Äquivalente, Austauschbares zwischen den beiden Systemen, der erotischen und der mystischen Hingabe.”
Anselm Grün und andere Geistliche verstehen (hier vor allem Platon folgend) die Mystik als Erkenntnisweg und Aufstieg zu immer größerer emotionaler und geistiger Klarheit und Freiheit, in der Gott die höchste erotische Erfüllung ist. Die (innere) Schau seiner Schönheit stillt die tiefste Sehnsucht des Menschen. Man könnte es flapsig “Himmelssex” nennen …
Erotik im Christentum
Es spricht vieles dafür, dass es keinen (organischen) Sex im Himmel gibt. Aber sehr wohl eine himmlische Erotik von Gottes Herrlichkeit, die uns wie die ganze Sinnlichkeit des Himmels, angefangen von Essen und Trinken über Musik und Schönheit wohin man blickt, in rauschhafte Verzückung versetzt. Deren Genuss und Erfahrung Sex ähnliche unfassbare Wonne und Befriedigung sind. Und die sich schon auf Erden ahnen und kosten lässt: Natur, Klänge, Aromen und Düfte können uns bereits hier und heute große Wonnen bescheren. Meine Frau meinte einmal am Frühstückstisch:
“Gottes Erotik ist wie der Duft von frisch gebrühtem Kaffee am Morgen.”
Mindestens.
Aus dem Zusammenhang von Religion und Erotik könnte die immer mehr mit Pornografie befasste Seelsorge zu einer Diagnose kommen: pornografische Neigung als Indikator für hohe Sensualität und in Folge (unerlöste) Spiritualität. Ein “Regimewechsel” beträfe neuronal genau die Areale und Potenziale, die ursprünglich für das Wirken des Heiligen Geistes, d.h. zum Genuss der Gnade und Erkenntnis Gottes angelegt sind. Dazu meint Anselm Grün:
“Natürlich löst der behutsame Umgang mit den Dingen nicht meine sexuellen Probleme. Da gibt es keinen Trick, sie in den Griff zu bekommen. Aber ich muss darum wissen, worauf ich Lust habe, wo ich ganz achtsam, ganz gegenwärtig, ganz sinnlich sein kann. Dann kann es sein, dass die Selbstbefriedigung auf einmal aufhört, weil die Sexualität in die Achtsamkeit und Sinnlichkeit hineingeflossen ist. Wenn Sexualität sich nicht in der zärtlichen und behutsamen Berührung ausdrücken kann, dann braucht sie immer gleich den Geschlechtsakt. Die Kunst wäre, das ganze Leben von der Sexualität durchdringen zu lassen. Walter Lechler spricht von Sensualität versus Sexualität. Er meint, dass die Sexualität nur ein kleiner Bereich des menschlichen Seins ist, die Sensualität dagegen den größten Teil ausmache. Es ginge darum, die Sexualität immer mehr in Sensualität, in Sinnlichkeit, Sinnenhaftigkeit, zu verwandeln, die Sinne zu verfeinern, in und mit den Sinnen zu leben. Geistliches Leben könnte man mit dem hl. Benedikt als Lust am Leben verstehen, als die Fähigkeit, seinen Alltag lustvoll zu leben.”
Ein Zaperoco oder Stück Kuchen können da legitimes Training für Erotik im Christentum sein …
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