“Einen Mohrenkopf bitte!” Die etwa 20-jährige Bedienung in der Aachener Konditorei und Kaffeehausinstitution “Van Den Daele” schaut mich konsterniert an: “Das heißt jetzt “Schokokuss””. Ich schüttel den Kopf: “Nein, es war und bleibt für mich ein “Mohrenkopf”. Zum Gedenken an den Heiligen Mauritius!” Damit bin ich bei ihr endgültig durch. Mit strafendem Blick überreicht sie mir den Mohrenkopf und wendet sich ostentativ dem nächsten Kunden zu.

Während der Aachener Mohrenkopf (s. Titelfoto oben) ein köstliches Biscuitgebäck in Tennisballgröße ist, gefüllt mit Vanillepudding und überzogen mit Schokolade, ist der Schweizer Mohrenkopf (Kenner schwören auf die von Dubler) das, was ich als Kind unschuldig als “Negerkuss” kannte: Eischnee mit Schokoüberzug.

Und in der Schweiz war die Reaktion der Bedienung auf meine Bestellung:

“Ach, das wusste ich ja noch gar nicht. Erzählen sie mir mehr!“

Vom ägyptischen Offizier zum europäischen Schutzheiligen

Aber gerne doch: Die Geschichte des Heiligen Mauritius oder auch: Sankt Moritz (lateinisch: Sanctus Mauritius, französisch: Saint Maurice) spielte sich im 3. Jahrhundert nach Christus ab. Er war Anführer einer Legion, die vor allem aus christlichen Soldaten bestand – ein ziemliches Wagnis im heidnischen Rom. Als seine Einheit in der heutigen Schweiz (genauer: Agaunum, heute Saint-Maurice) befehligt wurde, sich an der Christenverfolgung zu beteiligen, widersetzte sie sich – aus Überzeugung. Das Ergebnis: Märtyrertod durch Enthauptung.

Und jetzt wird’s spannend: Mauritius war laut Überlieferung schwarzafrikanischer Herkunft. Und damit wurde er zu einem der bekanntesten afrikanischen Heiligen in Europa. In Kunst und Kultur wurde er Jahrhunderte lang als “Mohr” (wohl auch wegen der phonetischen Nähe zu “Maurice”) dargestellt, was nichts mit Rassismus oder kolonialer Arroganz zu tun hatte – sondern mit Ehrerbietung.

Von der Heiligenverehrung zum Sprachverbot?

Das Wort “Mohr” stammt vom lateinischen “Maurus”, was ursprünglich einfach “aus Mauretanien stammend” bedeutete – also aus Nordafrika. Im Mittelalter wurde es zum Synonym für Menschen dunkler Hautfarbe, vor allem aus dem subsaharischen Raum.

Jetzt wird’s kurios: Viele Jahrhunderte lang galt der “Mohr” nicht als Schimpfwort, sondern war oft ein Titel von Respekt. Der Heilige Mauritius war einer der meistverehrten Märtyrer Europas. In zahlreichen Städten wurde er als Schutzpatron gefeiert – ja, sogar Kaiser des Heiligen Römischen Reichs ließen sich unter seinem Banner krönen!

Und was sehen wir heute? Seine Denkmäler werden entfernt. “Mohr” wird aus alten Gasthausschildern gekratzt. Und in manchen Städten wird diskutiert, ob Straßennamen wie “Mohrenstraße” nicht umbenannt werden müssten – aus Angst, jemanden zu verletzen.

Andrew Onuegbu – der Mohr mit Stolz

Ein Mann, der die grassierende Tabuisierung regelrecht auf den Kopf stellt, ist Andrew Onuegbu, Gastronom aus Kiel – selbst Nigerianer. Sein Restaurant heißt selbstbewusst: “Zum Mohrenkopf”. Onuegbu sieht im Begriff keine Beleidigung, sondern eine Erinnerung daran, wer er ist – und wie viel Stolz darin liegt, sichtbar zu sein.

Es erscheint mir kurzgesprungen, Wörter wie “Mohr” komplett zu verbannen ohne ihren historischen Kontext zu kennen. Der Mohr alias der heilige Mauritius steht für Gewissensfreiheit, Zivilcourage und Glaubensstärke. Der “Mohr” ist kein semantischer Makel, sondern ein Denkmal. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, bevor man mit dem Pinsel der Political Correctness über Jahrhunderte alte Kunst und Sprache malt.

Kleines Foto: Dubler, Schweiz

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