Kirchen-Bashing ist populär und billig – vor allem, wenn es um die katholische Kirche geht. Immer ordentlich “druff”. Als 2024 der Thriller “Konklave” in die Kinos kam (mittlerweile auch per Streaming-on-Demand verfügbar), erwartete ich heftige Reaktionen. Doch Überraschung: der antiklerikale Shitstorm blieb aus. Die Rezeption fiel erstaunlich gnädig aus, ja es gab sogar einen Oscar.
“Konklave” erzählt von der turbulenten Wahl eines neuen Papstes. Ralph Fiennes spielt Kardinal Lawrence, der nach dem plötzlichen Tod des Papstes die Wahl seines Nachfolgers organisieren muss. Hinter verschlossenen Türen entbrennen erbitterte Macht- und Richtungskämpfe. Und außerhalb der Kirchenmauern eskaliert die Gewalt …
Verklärung von Kirchenpersonal
“Konklave” ist ein Prisma menschlicher Schwachheiten im Kardinalsgewand. Der Film zwingt den Zuschauer zu einer wohltuenden Erdung überzogener moralischer Erwartungen an die Kirche und ihr Personal. Diese Erwartungen sind zahlreich und oft naiv.
Eine der hinterhältigsten Taktiken, den christlichen Glauben zu diskreditieren, besteht nicht darin, Zweifel an der Wahrheit des Evangeliums zu säen. Nein, viel effektiver und raffinierter ist es, das Kirchenpersonal zu Heiligen zu verklären – und damit eine fatale Illusion zu schaffen. Wer glaubt, Christen seien per Definition bessere Menschen und die Kirche ein Museum moralischer Vorbilder, wird zwangsläufig Schiffbruch erleiden. Und resigniert auf das Lamento der Opfer einstimmen:
“Ich bin ja sooo enttäuscht (und/oder verletzt) vom Bodenpersonal!”
Missverständnis Heiligkeit
Wahr ist: Wer sich als Christ outet, steht automatisch unter besonderer moralischer Observanz seiner Umgebung. Doch was bedeutet “heilig” eigentlich? Im Katholischen sind damit Pioniere und Vorbilder im Glauben gemeint. Die Verwendung des Begriffs “heilig” geht aber genuin auf das Hebräische zurück. Es meint dort keine moralische Unfehlbarkeit, sondern schlicht “ausgesondert” oder “von Gott erwählt”. Nicht mehr, nicht weniger.
Die Bibel berichtet recht freizügig über die Defizite dieser “Ausgesonderten” – sie sind alles andere als makellos. Eine kleine Auswahl:
- Kain war ein Mörder,
- Jakob ein Betrüger,
- Mose ein Totschläger,
- Rahab eine Prostituierte,
- David ein Ehebrecher und Mörder,
- unter den Jüngern Jesu waren Manisch-Depressive, Choleriker, Terroristen und Verräter.
Die Bibel idealisiert ihre Helden nicht. Im Gegenteil: Gott pflegt eine geradezu anstößige Vorliebe für die Unperfekten, um seine Pläne zu verwirklichen.
“Meine Gnade muss dir genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.” (2Kor 12,9)
Und dieser Trend hält an. Zum Beispiel beim großen Reformator. Albert Mock zeichnet in seinen psychologisch-theologischen Reflexionen zum Lutherjahr “Abschied von Luther” ein kaum schmeichelhaftes Porträt: Totschläger, Choleriker, Despot, Trunkenbold – habe ich etwas vergessen?
Und “Konklave” zeigt wiederum, dass auch die neuzeitliche Kirche als “Weltkonzern“ mit schwachen Vorständen und einem schwachen CEO ringen muss. Willkommen in schlechter, besser: schwacher Gesellschaft.
Meine Ent-Täuschung
Bei mir als frisch bekehrten Christen dauerte es nicht lange, bis mein junger Glaube das erste Grounding erlebte: Unser Pastor – ein vierfacher Familienvater – brannte mit einer anderen Frau durch. In den folgenden Jahren erlebte ich Machtspiele, Manipulation und geistlichen Missbrauch in verschiedenen Gemeinden. Manche meiner Glaubensgeschwister warfen enttäuscht das Handtuch:
“Von Christen hätte ich so etwas nie erwartet!”
Die gute Nachricht: Jede Ent-Täuschung ist auch das Ende einer Täuschung – und ein Weg zur Wahrheit, zur Reife: Reifes Christsein
- pflegt realistische moralische Erwartungen an andere und an sich selbst,
- hält zur Kirche als Gemeinschaft, aber auch als Amt, trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen,
- schaut im Gebet und in der Fürbitte vertrauend auf die Zusage Jesu an den ersten Bischof und Papst des Christentums – ausgerechnet an den Mann, der Jesus dreimal verleugnet hat:
“Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.” (Mt 16,18)