Wo ist die Schönheit des Glaubens geblieben? Der Leiter des Nietzsche-Hauses in Naumburg/Saale zeigte mir dieses Poster, das nun mein Arbeitszimmer ziert. Es illustriert einen Kerngedanken von Nietzsche: die Bipolarität des menschlichen Charakters durch das Apollinische und das Dionysische. Und die ursprüngliche Schönheit des Glaubens.
Das Apollinische und Dionysische
Das Apollinische stellt das maßvolle und ruhige, aber streng begrenzende Element des griechischen Denkens dar, wohingegen das Dionysische eine rauschhafte, pantheistisch übergreifende Regung ist, die alle Fesseln zerreißen will, um frei und zügellos in der Gesamtheit des Kosmos aufgehen zu können.
Das Poster wurde für einen Kongress anlässlich des Reformationsjubiläums entworfen und zeigt Luther als Stellvertreter des reformatorischen Glaubens, wie er in einem gepflegten Garten die akkurat gewachsenen Setzlinge bearbeitet. Kein Unkraut, keine Blumen, keine Tiere, alles eher trist in langweiliger Reih-und-Glied-Ordnung. Die Reformation als Ausgeburt des Apollinischen.
Kritik am Protestantismus unserer Zeit
Ganz im Gegensatz dazu steht Nietzsche in einem wilden und bunten Meer aus Blumen und Sträuchern. Darin gibt es auch Gefahren wie die Schlange oder eine Raubkatze. Aber es wirkt interessanter, verlockender, lebendiger, schöner. Dionysisch eben.
Das Poster übt eine – wie ich finde – berechtigte Kritik am Protestantismus unserer Zeit. Wo ist die Schönheit des Glaubens, seine Lebendigkeit, Farbigkeit, ja auch das Wagnis, das Abenteuer geblieben? Genau diese Frage will die Catech’eria beantworten. Und neben Sinn auch Sinnlichkeit durch schöne und genussvolle Akzente setzen.
