Die letzten Tage stand “Bulli” unter einem Baum und wurde reichlich mit Vogelschiss überzogen. Also zu einem Waschplatz gefahren und auf der Leiter mit Hochdruckstrahler rundum einmal “gekärchert”. Auf der Rückfahrt dachte ich: Was, wenn ich wieder unter einem Baum stehen müsste? Wir wohnen mitten in der Stadt. In unserer Straße wurden gerade zwei der ohnehin schon denkbar knappen Parkplätze für Elektroautos reserviert. Da darf man nicht wählerisch sein. Also betete ich wie es Millionen Christen tun:
“Herr, bitte gib mir einen Parkplatz.”
Und als ob das nicht schon kühn genug wäre, fügte ich hinzu:
“Aber ohne Baum!”
Einen Parkplatz hatte ich auf diese Weise fast immer gefunden. Aber ohne Baum – diese Forderung war mir heute erstmalig in den Sinn gekommen.
Wenige Sekunden (!) später biege ich in unsere Straße ein, und da sehe ich schon den “perfekten” Parkplatz – frei, ohne Baum, gleich hinter den reservierten Plätzen für Elektroautos. Die Freude war groß, da ich nun über die Feiertage Ruhe habe.
Wie macht Gott das nur?
Mein Gebet wurde also prompt und außerdem genauestens erhört. Und der Religionsphilosoph in mir war mit einem Mal hellwach: “Wie macht Gott das nur?” Oft habe ich beobachtet, dass erst im letzten Moment jemand wegfährt und mir seinen Parkplatz überlässt. Wie können wir uns so eine Gebetserhörung binnen weniger Sekunden in Raum und Zeit vorstellen?
Lass uns mal Gebet philosophisch betrachten: Im Prinzip ist es ganz einfach. Gott kann sich dabei eines “Tricks”, oder besser: einer Illusion bedienen. Nämlich der Illusion von Zeit und Raum, in der der Mensch lebt und der Ewigkeit, in der Gott lebt.
“Ewigkeit” wird oft als unendlich lange Zeit, die vor oder nach uns liegt, (miss-) verstanden. Das ist ein Irrtum, da Zeit und Raum laut Schöpfungsgeschichte “geschaffen” (1Mo 1,1-5), vergänglich sind und somit nur in unserer Welt gelten, nicht aber in der von Gott. Seine “Ewigkeit” ist vielmehr die Aufhebung aller Zeitbegriffe. Der Psalmist gibt uns davon eine Ahnung, wenn er schreibt:
“Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.” (Ps 90,4)
Zeitmächtigkeit Gottes
Nach Meister Eckhart bedeutet Ewigkeit weder Zeitlosigkeit noch unendlich viel Zeit, sondern vielmehr die Allgegenwart aller Zeiten in jedem Augenblick der Gegenwart:
„Denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun.“
Der Theologe und Papst Joseph Ratzinger spricht in diesem Sinne von der Zeitmächtigkeit Gottes:
“Ewigkeit aber ist nicht das Uralte, das vor der Zeit war, sondern sie ist das ganz Andere, das zu jeder vorübergehenden Zeit sich als ihr Heute verhält, ihr wirklich heutig ist; sie ist nicht selbst wieder in ein Vor und Nach versperrt, sie ist vielmehr die Macht der Gegenwart in aller Zeit. Ewigkeit steht nicht etwa beziehungslos neben der Zeit, sondern sie ist die schöpferisch tragende Macht aller Zeit, die die vorübergehende Zeit in ihrer einigen Gegenwart umspannt und ihr so das Seinkönnen gibt. Sie ist nicht Zeitlosigkeit, sondern Zeitmächtigkeit. Als das Heute, das allen Zeiten gleichzeitig ist, kann sie auch in jede Zeit hineinwirken.“ (Einführung in das Christentum, S. 299)
Illusion von Raum und Zeit
In einfachen Worten: Aus der Zeitmächtigkeit oder Gleichzeitlichkeit Gottes weiß Gott z.B. schon morgens (im Grunde schon, bevor es mich überhaupt gab), dass ich nachmittags von der Autowäsche komme und ihn um einen Parkplatz ohne Baum bitten werde. Er kann also in Zeit und Raum in aller Ruhe die Dinge so anlaufen lassen, dass am Nachmittag der Parkplatz frei wird und ich den Eindruck habe, dass nach oder wegen meines Gebets der Parkplatz frei geworden ist. Gott muss dazu die Gesetze von Zeit und Raum nicht aufheben, ja noch nicht einmal verletzen. Es ist vielmehr die allzu vertraute Illusion von Raum und Zeit, in der mir Gottes Handeln als Folge, als Auswirkung meiner Bitte “erscheint”.
Gebet philosophisch betrachtet ist also deswegen so mächtig, weil es die Begrenzungen von Zeit und Raum überwindet und Gott bewegen kann, sogar weit in der Vergangenheit, d.h. “nachträglich” das zu unternehmen, was in Zeit und Raum genau das Resultat herbeiführt, das wir in dem einzig real existierenden Zeitzustand, nämlich der Gegenwart, als “Antwort” oder “Gottes Handeln” erkennen und begreifen.
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