Welche rationalen Argumente sprechen für ein Leben nach dem Tod? Ist denn ein Leben nicht genug? Diese Fragen waren kürzlich Gegenstand eines angeregten Gesprächs mit zwei jungen Menschen. Zu meiner Überraschung versicherten mir beide, dass es für sie völlig in Ordnung wäre, wenn es nur ein Leben gäbe. Und nichts mehr danach.

Als Jahrgang 1966 ertappe ich mich schon öfters bei der Überlegung, wie viele Sommer ich denn noch so erleben werde? Unter die Haut gegangen ist mir das Lebenszeit-Chart (s. Abb. und Download links), in dem Du die Woche Deines aktuellen Alters markierst und dann erkennen kannst, wie viele bzw. wenige Lebenswochen Dir z.B. nach dem statistischen Mittel (z.Zt. in Deutschland ca. 79 Jahre) noch bleiben…

Junge Menschen hingegen schauen noch auf das ganze Chart bzw. die volle Sanduhr ihrer Lebenszeit. So sind sie vollauf beschäftigt, dem “ersten” Leben Gestalt und Sinn zu geben. Was wohl ihre Genügsamkeit bis Großzügigkeit in dieser Frage erklärt.

Ich war trotzdem nachhaltig irritiert. Denn für mich ist ein Leben nach dem Tod selbstverständlich. Früher habe ich u.a. die Bücher vom Forschungspionier Raymond Moody über Nahtoderfahrungen (NTE) verschlungen. Seit ich Christ bin, vertraue ich zusätzlich den biblischen Texten, die mit Moody & Co. in vielen Punkten übereinstimmen. Aber was bleibt, wenn man allein auf die philosophische, d.h. rationale Ebene steigt? Welche rationalen Argumente sprechen für ein Leben nach dem Tod? Also ohne naturwissenschaftliche (z.B. Moody) oder dogmatische (z.B. Bibel) Argumente.

Ist Dir ein Leben genug?

1. Mensch als Gegenüber Gottes

Folgt man den biblischen Texten, so verdankst Du Dich der Sehnsucht Gottes nach einem Gegenüber. In der Gegenübersetzung soll der Mensch

  • Gott erkennen,
  • ihn betrachten,
  • sich an ihm freuen
  • und ihn anbeten.

Dadurch, dass sich der Mensch aber von Gott abgewendet hat (“Sündenfall”), ihn nicht kennt oder kennen will, lebt er in einer “Gottesfinsternis”. Wie bei einer Sonnenfinsternis die Sonne vom Mond verdunkelt wird, so wird Gott von der Sündhaftigkeit des Menschen verdunkelt.

Unter diesen Umständen wird die Fortexistenz des Menschen nach dem Tod geradezu zwingend notwendig. Ansonsten bliebe Gott immer der unsichtbare, d.h. unbekannte Gott. Die Existenz eines Gottes, den seine Kreatur, der Mensch nie zu Gesicht bekommt, ist relativ sinnfrei. Wahres, d.h. kreatürliches Menschsein erfüllt sich teleologisch (d.h. hinsichtlich seines Zwecks und Bestimmung) doch erst in der Begegnung, ja in der direkten, unverhüllten Schau des Schöpfers. Wenn diese Möglichkeit im ersten Leben verbaut ist, so läge in einem erlösten, zweiten Leben ein logischer Ausweg.

2. Freiheit

Die Freiheit wird viel besungen, aber Du bist viel weniger frei als Du meinst: Dein Geburtsjahr, -ort, Eltern, Kultur, Name, genetische Merkmale u.v.m. waren vorbestimmt und zeichnen Deinen Lebenskorridor vor. Und Du vermagst nicht Dein Leben auf ein Dir zur Geburt bekanntes Enddatum “zu-Ende-leben”. Der Tod kommt meist “überraschend”, “plötzlich” oder “zu früh”, wie ein Blick auf Traueranzeigen lehrt.

Das Leben ist keine Oper mit bekanntem Schlussakt, den der ungeduldige Zuschauer im Programmheft schon beim Aufziehen des Vorhangs nachschlagen kann. Von Suizid einmal abgesehen, können die meisten von uns ihr Leben nicht auf einen sinnfüllenden Punkt, d.h. in vollkommener Sinnfülle “voll-enden”. Der Tod ist keine Punktlandung, Ziele bleiben unerreicht, Fragen offen, Hoffnungen enttäuscht. Tolle Freiheit. Der französische Existenzialismus befand das Leben daher als absurd und empfahl den Nihilismus.

Ein Leben nach dem Leben erscheint mir als der beste Ausweg aus diesem Dilemma.

  • Denn es öffnet dem ersten Leben das Fenster in grenzenlose Weite, sprengt den Horizont unserer kleinlichen und verzagten Pläne, hebt unseren Blick in den Himmel.
  • Es nimmt uns den Stress, aus einem einzigen Leben alles Glück herauszupressen, worauf wir meinen, ein Anrecht zu besitzen.
  • Ein zweites Leben relativiert die Bedeutung des ersten Lebens und beruhigt die gehetzte Seele. Was auch immer scheitern sollte, unvollendet bleibt oder versäumt wurde, darf so sein, wird verzeihbar.

Kurz: es macht frei.

Jeder großen Aufgabe und Berufung geht eine Probe- oder Einarbeitungszeit voraus. Könnte das nicht der tiefere Sinn dieses ersten Lebens sein? Und erklären, warum wir einerseits so viel scheitern und andererseits mit dem Tod so jäh herausgerissen werden können?

  • Wäre dieses Leben nicht viel plausibler, wenn es (nur) auf etwas viel Größeres und Herrlicheres verweisen und vorbereiten wollte?
  • Wenn es nur der Vorhof zur ewigen Behausung ist?
  • Bin ich so nicht viel freier, zu gehen – aber auch andere gehen zu lassen?

Macht die Rede von Freiheit dann nicht mehr Sinn?

3. Gerechtigkeit

Welche rationalen Argumente sprechen für ein Leben nach dem Tod? Die Hoffnung auf ein zweites Leben liegt offenbar tief in unserem Menschsein. Wie sonst ist es zu erklären, dass 90 Prozent der Menschheit überwiegend friedlich bis duldsam zusehen, wie eine privilegierte Minderheit von 10 Prozent rund 90 Prozent des Wohlstandes angehäuft hat und komfortabel lebt?

Wie ist es zu erklären, dass die meisten von den besagten 90 Prozent verzichten, sich auf den Weg zu machen und nach Epochen der Eroberungen, Ausplünderung, Kolonialisierung, Versklavung, Demütigung und Unterwerfung endlich das zu nehmen, was ihnen ihr Gerechtigkeitssinn sagt? Wenn kein Mensch auf eine zweite Chance, eine späte Gnade, eine ewige Gerechtigkeit zu hoffen wüsste, müsste diese Welt in Egoismus, Gewalt und Chaos versinken.

Hier ließe sich einwenden, dass die Hoffnung auf ein zweites Leben ein Trick der Evolution sei, da sie dem Menschen im sozialen Miteinander Vorteile böte und ihn vor dem o.g. verheerenden Szenario bewahre. Dieses Argument unterstellt der Evolution aber ein Prinzip, das seinerseits auf ein Leben nach dem Tod verweisen könnte: Es lässt sich kaum bestreiten, dass die Evolution den Menschen nur Fähigkeiten verliehen hat, deren Anwendung Sinn macht:

  • Du kannst hören, weil es Geräusche gibt.
  • Du kannst sehen, weil es etwas zu sehen gibt.
  • Du kannst essen, weil es etwas zu essen gibt etc.

Wenn der Mensch glauben und hoffen kann, dann doch wohl demnach nur, weil es etwas zu glauben und hoffen gibt? Ein Leben nach dem Tod wäre dafür noch der schlichteste Anlass. Aber ein evolutiv ziemlich einleuchtender.

Dass dieses Leben nicht gerecht ist, ist eine Binsenweisheit. Dass ausgebliebene Gerechtigkeit nur aufgeschoben ist, und sich nur ein zweites Leben als glaubhafte Gerechtigkeitsreserve darstellen kann, gibt doch der Dogmatik vom “gerechten” Gott eine hinreichend vernünftige Grundlage?

4. Ermutigung

Welche rationalen Argumente sprechen für ein Leben nach dem Tod? Im Leiden und Sterben zeigt sich, was wir hoffen. Für sich selbst zu leiden und zu sterben bleibt keinem erspart, wer aber für etwas oder für jemand anderen leidet und stirbt, betritt die Dimension der selbstlosen Liebe (gr. “Agape”), ja des Heroischen, des Martyriums.

Dass Jesus auf Golgatha, aber auch Menschen wie z.B. Pater Maximilian Kolbe in Auschwitz sich zu dieser unüberbietbaren Form der Liebe entschlossen und bis zum bitteren Ende durchstanden, ist ein Wunder. Zu solch einer mutigen Selbstlosigkeit ist doch nur der fähig, der dieses Leben hinzugeben, zu verschenken vermag, in der Hoffnung auf ein weiteres Leben und dessen universaler Gerechtigkeit.

Ein römischer Kaiser (Nero?) soll sich erstaunt über den Mut der Christen auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung geäußert haben. Davon sind wir heute weit entfernt, wie mir ein Arzt anvertraute. Ausgerechnet Würdenträger hätten sich angesichts einer tödlichen Diagnose am heftigsten an ihr Leben geklammert. Offensichtlich kann dieses Thema nicht nur entlang trockener Dogmatik behandelt werden. Es braucht eine vitale und lebenslange Allianz der Hoffnung aus Verstand und Glauben.

Bist Du weiter an diesem Thema interessiert? Dann könnte mein Blogbeitrag über den Videokanal “Empirische Jenseitserforschung” interessant sein, auf dem über 150 Nahtoderlebnisse gesammelt wurden.

Foto: Pixabay (Montage)

Mehr am “Abend der Dunkelheit” mit der Frage: “Warum das Leid?”

Warum das Leid?

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