“Keine Religion” ist der Slogan einer gesellschaftlichen Strömung, die alles Religiöse überwinden möchte. Wie realistisch ist das?

“Und was machst du so?”
“Religionsphilosophie.”
Schweigen, dann: “Ich bin nicht religiös.”
“Das ist okay.”
Mein Gesprächspartner legt nach: “Wegen Kreuzzügen, Inquisition und Kindesmissbrauch.”
“Verstehe, du meinst die Kirche.”
“Religion und Kirche sind doch dasselbe.”
“Na ja, nicht ganz.”
“Egal, jedenfalls bin ich nicht gläubig.”
“Das ist okay.”
“Du willst mich sicher missionieren!?”
“Nein, wie kommst du darauf?”
“Ich kannte da mal so einen, der hat es ständig versucht. Lass mich also in Ruhe.”
“Ich habe nichts weiter gesagt?”
“Doch, du redest die ganze Zeit davon.” und wendet sich ab.

Small Talks am Kipppunkt

Solche skurrilen bis absurden Small Talks erlebe ich oft. Das Stichwort “Religion” genügt, um bis dahin relativ gechillte Gesprächspartner regelrecht in Wallung zu bringen. Bis eben noch entspannte Situationen geraten unversehens an einen Kipppunkt, hinter dem offene Feindseligkeit entgegenschlägt.

Das Stichwort “Religion” hat keinen leichten Stand. Entsetzen und Empörung über die aktuellen Kirchenskandale sitzen tief und haben die “traditionell” gespannte Stimmung weiter angeheizt. Was ich an diesen Small Talks philosophisch allerdings interessant finde, ist die Selbstdiagnose “Ich bin nicht religiös.”

Würdest Du Dich als religiös bezeichnen?

Wann erlischt Religiosität?

Ich habe mich gefragt,

  • ob es den areligiösen oder nicht-religiösen Menschen überhaupt gibt?
  • Ist ein Atheist per definitionem areligiös?
  • Erlischt bei Kirchenaustritt automatisch jegliche Religiosität?

Für Religion i.S.v. Überzeugungen, Ritus und Beziehungen mag das gelten. Aber ansonsten wirft der Satz “Ich bin nicht religiös.” ganz grundsätzlich mehr Fragen auf als er für obsolet zu erklären versucht.

Würdest Du bestreiten, dass Du einen Verstand hast? Und dass dieser begrenzt ist? Sicher nicht. Hindert Dich diese Erkenntnis, über Deine Verstandesgrenzen hinaus zu denken (lat. Wortsinn von “trans-zendieren”)? Wohl kaum. “Ich bin nicht religiös.” kann demnach nur meinen, dass Du

  • a) entweder stets vor Deinen Verstandesgrenzen rigoros ausbremst, wie ein scheuendes Pferd beim Springturnier vor dem zu hohen Hindernis. Oder
  • b) dass Du Deinen Verstand für schier so grenzenlos hältst, dass “dahinter” kein Raum mehr für Glauben bleibt. Was doch eine gewagte Vermessenheit wäre?
Zwei Seiten derselben Medaille

Der Religionsphilosoph Peter Wust vertritt die Meinung, dass Vernunft und Religion zwei Seiten derselben Medaille sind, eine Dichotomie, in der Du Dich der einen Seite niemals ohne der anderen entledigen kannst. Wust sieht im Menschen ein eigenartiges “Zwischenwesen”, dessen Lebensweg sich immer zwischen Vernunft und Glauben vollzieht.

Wenn mit Religion Glauben gemeint ist, so ist jeder vernünftige Mensch hinter seinen natürlichen Verstandesgrenzen, ob er es wahrhaben will oder nicht, auch ein religiöser Mensch. Ob dieser religiöse Mensch quasi “stumm” bleibt, oder in Überzeugungen, Ritus und Beziehungen sich äußert, ist völlig unerheblich. Die Rede vom vernünftigen Mensch ist immer auch die vom religiösen als seine Antipoden.

Neue Dogmen und Inquisition

G. K. Chesterton stellte einmal fest:

“Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen.”

Dieses ungeahnt prophetische Bonmot erfüllt sich gerade vor unseren Augen. Immer mehr Menschen negieren nicht nur ihre religiöse Seite, auch erkennen immer weniger, welchen modernen “Aberglauben” sie folgen, vor welchen modernen “Götzen” sie sich bis zur Lächerlichkeit verneigen.

Ich brauche da gar nicht weiter ins Detail zu gehen. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen hegen eine bedenkliche Fülle an modernen “Dogmen” (Glaubenssätzen), deren in Zweifel ziehen oder hinterfragen neue Formen von Inquisition wie Shitstorm, mediale Hinrichtung und Cancel Culture auf den Plan rufen.

Erstaunliche Selbsttäuschung

Insofern zeugt der Satz “Ich bin nicht religiös.” nicht nur von einer erstaunlichen Selbsttäuschung, sondern auch von einer intellektuellen Gefährdung bis Verführbarkeit der religiösen Seite des Menschen. Auf deren potenziellen Missbrauch und Instrumentalisierung dürfte seine vernünftige Seite in ihrer Arglosigkeit ohne offenen und wertschätzenden “bilateralen Dialog” kaum vorbereitet sein.

Foto: Pixabay

Mehr am “Abend der Wahrheit” mit der Frage: “Wie wahr ist Wahrheit?”

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