Zurzeit versuchen viele, diesen Mann auf dem Foto von 1960 zu “verstehen” – womit ich nicht meine, eine Legitimation für seine Politik zu suchen. Nachdem ich mich in einem früheren Beitrag mit dem Bösen und Putins Lieblingsphilosophen beschäftigt habe, suche ich nun den Schlüssel zu Wladimir Putins Denken und Handeln. Und der liegt viel tiefer, als die meisten ahnen. Und genau genommen sind wir alle von denselben Verhaltensmustern befallen.
Beunruhigende Nicht-Notwendigkeit
Will man Wladimir Putin verstehen, muss man beim philosophischen Begriff der “Kontingenz” ansetzen. Der meint “nicht-notwendiges”, oder grob vereinfacht “zufälliges Dasein”: Wenn der Mensch sich umschaut, so stellt er fest, dass das meiste der Natur auf sich gegenseitig stützenden Gesetzen, Notwendigkeiten und Abhängigkeiten beruht.
Eine Spezies ermöglicht die anderen. Und wenn eine bestimmte Spezies verschwindet, verschwinden viele andere gleich mit. Alles wirkt zusammen und miteinander. Bis in die kleinsten Elementarteilchen.
Mensch als Kunst
Beim Menschen ist es nicht so! Er findet sich vollkommen überflüssig, also nicht-notwendig vor. Er muss nicht sein, die Welt käme auch ohne ihn und sicher sogar besser zurecht. Der Mensch füllt keine nützliche Lücke oder Nische, die die Evolution ihm eingeräumt hat. Der Mensch ist „einfach so“ da.
Er ist quasi “Kunst”. Kunst ist auch einfach nur so da, es gibt im ganzen Universum keine Notwendigkeit für Kunst. Sie mag uns erfreuen oder erstaunen, aber notwendig ist das nicht.
Fatale Selbstreflexion
Die Erkenntnis des Menschen, dass seine Existenz keine Notwendigkeit hat, er dafür – wie bei den Tieren – keinen Zweck, keinen Sinn vorfindet, wäre an und für sich nicht weiter problematisch, wenn der Mensch nicht eine fatale Fähigkeit hätte: die der Selbstreflexion. Er kann über sich nachdenken. Und so seine erstaunliche Situation in der Schöpfung erkennen. Und diese Erkenntnis beunruhigt ihn. Sie macht ihm Angst.
Denn wenn er nicht notwendig ist, niemand ihn will oder eine Absicht, niemand einen Plan mit ihm hat, ihm somit auch niemand einen Wert zubilligt, dann ist auch niemand anders für ihn zuständig und verantwortlich, als allein er selbst. Seine ganze Existenz muss er selbst übernehmen, tragen, versorgen, sichern, verteidigen, bewerten.
Der Mensch als Waise
Dann ist er eine Waise, der niemand helfen wird. Diese Erkenntnis tragen wir alle unbewusst mit uns herum. Und die daraus resultierende Angst bildet zwanghafte Verhaltensweisen heraus. Die Psychologie spricht von “Verhaltensmuster”:
- Zwanghaftes Haben-Wollen,
- Gelten-Wollen,
- Beherrschen-Wollen,
das den Menschen pervertiert. Menschen wie Wladimir Putin in besonderer Position und mit großer Machtfülle sind besonders anfällig. Bis zur Erschöpfung investieren sie ihr ganzes Denkvermögen, ihren ganzen Willen und ihre ganze Kraft in ihre Existenzsicherung und die Pflege eines Mythos von Notwendigkeit. Damit ihre Notwendigkeit, ihre Existenzberechtigung nur ja nicht infrage gestellt wird.
Umgang mit Verhaltensmustern
Die meisten Menschen erlernen den sozialverträglichen Umgang mit diesen Verhaltensmustern. In bestimmten Konstellationen können sie jedoch pathologisch werden und zu Psychopathen degenerieren.
Will man Wladimir Putin verstehen, sollte man auch über Auswege sprechen. Aus christlicher Sicht liegt eine tiefgreifende Lösung darin, aufgrund eines Schöpferwillens, einer Schöpferliebe die ersehnte Notwendigkeit zu vermitteln, die zum Menschen sagt:
“Ich (als Dein Gott) will Dich. Sei!” (vgl. 1Mo 17,1)
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