Gibt es eine Empfehlung zu alkoholfreiem Rotwein? Alkoholfreier Weingenuss im Wortsinne von “Genuss” ist, wenn überhaupt weiß. Vielleicht auch noch rosé. Aber bei alkoholfreien Rotweinen benötigst Du eine gewisse Leidensfähigkeit, da ihnen Tiefe, die typische Komplexität der Aromen und das feine Spiel vom Tannin fehlen.

Ich habe dieses Thema regelrecht durchgetrunken und jeden Versuch bereut. Nicht zuletzt auch wegen der überzogenen Preisvorstellungen. Bisheriges Fazit: Finger weg!

Aufstand im Abgang

Kürzlich entdeckte ich im Weinangebot unseres REWE-Supermarktes, etwas verschämt-versteckt, einen alkoholfreien Rotwein namens “Light Live Red” der Schloss Wachenheim AG (Trier). Am Standort Wachenheim (Pfalz) war ich vor vielen Jahren zu einer Verkostung, die mir positiv in Erinnerung geblieben ist. Und 3,99 € für die Flasche erschienen mir als überschaubares Risiko – also zugegriffen und mitgenommen.

  • Der erste, optische Eindruck ist vielversprechend: Der “Light Live Red” strahlt in sattem, klarem Rubinrot entgegen.
  • Bouquet hat er praktisch keines – was für alkoholfreie Weine leider (noch) typisch ist.
  • Auf der Zunge entfaltet sich ein schöner Zweiklang aus rotfruchtiger Säure und Süße, der Spaß macht und zum dezenten Essensbegleiter ambitioniert.
  • Die Überraschung kommt beim Abgang: eine feindosierte Gerbstoffnote mit Tanninanklang lassen diesen Wein nachhallen, wo andere alkoholfreie Rotweine in unendliches Schweigen fallen.
  • Summa summarum erinnert der Aufstand dieses freien Roten an einen Trollinger oder einen leichten Spätburgunder.

Was hältst Du von alkoholfreiem Wein?

Der Kellermeister und seine Trickkiste

Ja, da war ich platt: Wie geht denn so etwas? Das Rückenetikett verrät:

“Alkoholfreier Wein (72%), Traubenmost, natürliches Aroma, Antioxidationsmittel: Schwefeldioxid.”

Der Kellermeister hat also in die Trickkiste gegriffen: natürliche Aromen. Welche genau, darüber schweigt sich die Inhaltsdeklaration aus. Als Fan von Naturweinen bin ich eher Purist und liebe Weine, in die nichts hineinkommt, was nicht schon vorher drin war. Wie z.B. Schwefel und andere diskrete Schönungen. Aber bei alkoholfreien Weinen hilft Purismus offensichtlich nicht weiter.

Nun habe ich aber schon bei Jörg Geiger, den ich liebevoll den “Saft-Alchemisten von der Alb” nenne, gelernt, dass z.B.

  • allerlei Kräuter mit
  • zerstoßenen Austernmuschelschalen
  • eine herbe Apfel-Birnensaft-Cuvée

zum veritablen Weißwein-Substitut boostern können. Da kann man es wohl nicht verübeln, wenn auch andere Produzenten auf die Wahrheit im alkoholfreien Wein pfeifen, damit darin ein gutes Quantum Genuss zu finden ist.

Empfehlung alkoholfreier Rotwein

Also Empfehlung für alkoholfreien Rotwein? Wenn man sich im Klaren ist, dass alkoholfreier Wein immer einen Kompromiss darstellt – dann ja. Passionierte Rotweintrinker dürften schwer zu überzeugen sein, zumal es sich im strengen Sinne nicht mehr um Wein handelt, sondern um ein

“alkoholfreies aromatisiertes Getränk auf Basis eines alkoholfreien Weines”.

Wer ungeachtet solcher Prosa deutscher Lebensmittelkennzeichnung Alkohol meiden oder mindern muss/möchte, für den stellt der “Light Live Red” eine preisgünstige und kalorienarme Alternative dar. Und wem dieser alkoholfreie Wein noch zu wenig Wumms hat, der sollte den “Doppio Passo Primitivo Alternativa“ zur Brust nehmen.

Foto: Schloss Wachenheim AG

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