• Kann man nur mit oder auch ohne Gott gut sein?
  • Macht es einen Unterschied, ob ein Christ oder ein (atheistischer) Humanist Gutes tut?
  • Sind Reich Gottes und Tikkun Olam Antithesen zu humanistischen Hilfsprojekten wie z.B. Sea-Watch?

Humanismus versus Christentum war der Kern einer Teilnehmerfrage am “Abend der Reinheit“.

Zunächst muss ich zurückfragen, was denn mit “gut” oder “Gutes” gemeint sein soll? Das ist typisch für das Philosophieren: nicht einfach etwas als selbstverständlich betrachten, sondern der Bedeutung tiefer auf den Grund gehen.

Kann man auch ohne Gott "gut" sein?

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Ich denke, Du wirst wie die meisten zustimmen, dass anderen zu helfen, “gut” ist. Aber “gut” gemeint ist nicht immer “gut” gemacht.

Ein Beispiel aus der Natur: Nachdem eine Raupe ihre Metamorphose zum Schmetterling abgeschlossen hat, muss er sich aus seiner Puppe befreien. Das ist eine stundenlange Prozedur, bei der ein gut meinende Zuschauer geneigt ist, zu helfen: Puppe vorsichtig aufschneiden und schon kann der Schmetterling sich entfalten.

Aber er wird leider nicht fliegen können. Denn ohne das selbstständige Aufbrechen der Puppe kann er sich nicht ausentwickeln. Der Schmetterling ist nicht überlebensfähig.

Humanismus versus Christentum

Was ist tatsächlich “gut”?

Kann man auch ohne Gott gut sein? Dass sich etwas “gut” anfühlt oder “gut” klingt, besagt noch lange nicht, dass es “gut” ist! Wir haben dieses Dilemma bei den Corona-Maßnahmen erlebt: wie “gut” waren die Maßnahmen tatsächlich angesichts beträchtlicher Kollateralschäden wie

  • psychischer Erkrankungen,
  • Impfnebenwirkungen,
  • Konjunktureinbruch,
  • Inflation,
  • Freiheitsbeschränkungen etc.?

Bis heute fehlt dazu der Überblick. Die aktuelle Zurückhaltung der Politik zeigt, dass man sich der “Gutheit” der damaligen Maßnahmen nicht mehr so sicher ist.

Apropos Sea-Watch: Es ist ebenfalls unklar, wie weit durch bedingungslose Sozialleistungen auch die humanistische (nicht: humanitäre) Seenotrettung zu einem Pull-Faktor wird, der Menschen ermuntert, sich in ihren Heimatländern auszuklinken.

Jedes Gutes-tun muss sich die Frage gefallen lassen, ob es wirklich noch von Nutzen- und Verantwortungsabwägungen gedeckt ist oder schon blinden Tugend- bis Pflichtabwägungen folgt.

Gutmenschen als Übeltäter?

Die

  • Anführer der Französischen Revolution,
  • Potentaten wie Hitler, Stalin und heute Putin,
  • Totalitarismen wie Kommunismus, Sozialismus oder die Kulturrevolution in China

wollten allesamt das vermeintlich Gute für die Menschen. Und trotzdem endeten sie in Katastrophen mit millionenfachem Blutzoll. Wie kann das sein?

Im Matthäus-Evangelium (Mt 7,21-23) findet sich eine sonderbare Rede Jesu:

“Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!”

Weissagen, psychisch Kranke heilen, Wunder tun – das klingt doch wie Nächstenliebe und doch beschimpft Jesus die “Guten” als Übeltäter. Ist das nicht interessant? Offensichtlich macht es einen Unterschied, in welcher Folgsamkeit und Vertrautheit mit Gott Gutes getan wird!

Drall zur Selbsterlösung und Selbstrechtfertigung

Humanismus versus Christentum: Kann man auch ohne Gott gut sein? In vielen Fällen wird man die Ergebnisse der Nächstenliebe eines Humanisten oder Christen nicht voneinander unterscheiden können. Die Selbstlosigkeit einer Tat wird bei einem Humanisten jedoch schwerer zu erkennen sein, weil er sein Menschsein immer in Bezug zur Tat setzen wird. Oftmals sind es tiefliegende, selbstsüchtige Motive, die ihn die Schimäre seiner Gutheit wie eine Monstranz vor sich hertragen lassen – mit dem Drall zur Selbsterlösung und Selbstrechtfertigung.

Helfen zur eigenen Ehre oder der Gottes – das ist ein buchstäblich himmelweiter Unterschied. Ein Christ setzt das “von Gott geliebt sein” in Bezug zur Tat. Für einen Christen und all seinen Mitmenschen ist die Menschenwürde von Gott gegeben, ein Humanist gibt sie sich und anderen selber.

Ein Beispiel für diese unterschiedliche Perspektive: Als Aleppo (Syrien) bombardiert wurde, zogen sich die meisten humanistischen Hilfswerke zurück, um die Sicherheit der Mitarbeiter nicht zu gefährden. Die Franziskaner hingegen sandten sogar weitere Brüder in die Stadt, um den Menschen zu helfen.

Es braucht die Orchestrierung

Humanismus versus Christentum – auch der Lohn ist ein anderer, wie dieses Jesus-Zitat andeutet:

“Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.” (Mt 6,16)

Es macht also einen Unterschied, ob Du Gutes ostentativ vor den Leuten oder im Verborgenen vor Gott tust.

Und schließlich macht es einen Unterschied, ob lauter humanistisch gesinnte Solisten improvisieren oder ob sie einer offenbarten Partitur folgen, mit der alle Einzelstimmen zu einem harmonischen Klangbild werden. Es genügt eben nicht, dass jeder Einzelne sein Instrument beherrscht und “gut” spielt. Es braucht die Orchestrierung, erst dann wird daraus eine sinnvolle und angenehme Musik, ein “gutes” Konzert.

Humanistische Ethik Christliche Ethik
Mensch im Zentrum. Gott im Zentrum.
„Gut“ subjektiv und individuell definiert aus Perspektive und Unterstellung natürlicher Moralität „Gut“ objektiv und universell definiert aus Perspektive göttlicher Offenbarung.
Normative Setzung aus z.B. moralischem Imperativ. Normative Setzung aus göttlicher Weisung (“Gebot”, Tora).
Gute Taten in Bezug zu sich selbst („Ich will durch/aus mich/mir heraus gut sein.“). Gute Taten in Bezug zu Gott („Gott will durch/in mich/mir gut sein.“), aus gnadenhafter Erkenntnis des „sich von Gott geliebt wissen“.
„Gut“ werden durch (mentale) Veränderung. „Neu“ werden durch (geistliche) Verwandlung.
Limitierung durch menschliche, d.h. endliche Kraftreserven. Ohne Limitierung, da aus ewiger Quelle gespeist.
Kein abschließender Überblick über weitere Folgen. Überblick unter Einbezug göttlicher Perspektive.
Lohn von den Leuten. Gotteslohn.
Gefahr eines selbstsüchtigen Motivdrifts in Richtung Selbsterlösung und Selbstrechtfertigung. Erlösungsgeschenk und Rechtfertigung aus dem Glauben mindern selbstsüchtige Tendenzen.
Chaotische, unkoordinierte Soli ohne Plan und Gewissheit über nachhaltige Effizienz. Orchestriertes Zusammenspiel als (Reich-Gottes-) Konzert, d.h. Bündelung und/oder Verteilung der Kräfte zu hoher Effizienz und Nachhaltigkeit.

Humanismus versus Christentum – ein Humanist hat aber auch eine bedeutende Gemeinsamkeit mit einem Christen: die Sehnsucht nach dem Guten, Wahren und Schönem. Das Organ, das diese Sehnsucht spürt, ist das Herz. Ein Christ weiß, woher diese Sehnsucht gestillt wird. Ein Humanist weiß, dass er eine Sehnsucht hat, und dass sie sich nach Stillung sehnt.

Foto: iStock, Caritas

Mehr am “Abend der Reinheit” mit der Frage: “Was wollte Jesus wirklich?”

Was wollte Jesus wirklich?

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