Ist Gott immer nur gut drauf? Ein echter Sonnyboy? Oder auch zornig, launisch? Launische Menschen können sehr anstrengend sein. Man weiß nie, woran man mit ihnen gerade ist. Wer braucht da noch einen launischen oder zornigen Gott? Es gibt in der Bibel beunruhigende Berichte von Menschen, die den “lieben Gott” plötzlich ganz anders erlebten:

Auf Moses beharrliche Weigerung, sich senden zu lassen,

“wurde der Herr zornig auf Mose.” (2Mo 4,15 NLB)

Das goldene Kalb bringt Gott derart in Wallungen, dass er die Vernichtung des ganzen Volkes Israel ankündigt. Aber nach Intervention Mose

“tat es dem Herrn leid und er ließ das angekündigte Unheil nicht über sie kommen.” (2Mo 32,9-14 NLB)

Kurz darauf hat Gott es sich wieder anders überlegt. Jetzt er will sein Volk lieber nicht persönlich ins verheißene Land führen:

“Sonst könnte es sein, dass ich euch unterwegs vernichte.”

Eine göttliche Kurzschlusshandlung? Nur zwei Zeilen weiter wiederholt Gott seine Sorge, die Selbstbeherrschung zu verlieren:

“Wenn ich auch nur einen Augenblick unter euch weilte, würde ich euch vernichten.” (2Mo 33,3-5 NLB)

Gottes Zorn wütet u.a. weiter in 4Mo 11,1; 4Mo 17,11ff; 4Mo 25,4; 5Mo 32,16; Ri 2,14ff; Ri 2,20ff…

Eifersüchtig, nachtragend, launisch-boshaft?

Wenn Du denkst, ein Blick auf Jesus würde das Bild Gottes wieder gerade rücken, täuschst Du Dich: Jesu Umgang mit den Händlern im Tempel ist keine “Best Practice” für ein Konfliktseminar. Klaus Kinski hat das in seinem legendären Ausraster anlässlich seiner genialen Rezitation “Jesus Christus Erlöser” geahnt. Und als Jesus um Stellungnahme zu einem Turmeinsturz mit vielen Toten gebeten wird, blafft Jesus seine Zuhörer an, sie sollen zusehen, dass nicht ihnen auch so etwas passiere. Empathie mit Opfern klingt anders.

Die Galionsfigur der “Neuen Atheisten”, Richard Dawkins, hielt Gott für “eifersüchtig, nachtragend, launisch-boshaft”. Restlos verdenken kann man es Dawkins nicht.

In seinem Buch “Der Zorn des liebenden Gottes” fragt Frère John aus Taizé, wie denn die Menschen der Bibel überhaupt Notiz vom Zorn Gottes nehmen konnten? Bekommt Gott einen hochroten Kopf? Brüllt er cholerisch herum? Fällt seine Faust donnernd auf den Tisch?

Interpretation von Ereignissen

Der Zorn des liebenden GottesWahr ist: Gottes Zorn entzieht sich der direkten, einfachen, menschlichen Beobachtung. Gott war, ist und bleibt der Unsichtbare, der Verborgene, ein Geheimnis. Ob Gottes Ton und Wortwahl auf seine Stimmung schließen lässt, verraten uns die biblischen Zeugen nicht.

John findet eine plausible Erklärung: Der “Zorn Gottes” ist in vielen Fällen nur eine Interpretation von Ereignissen. Ein Volk, das schwere Katastrophen, Niederlagen, Rückschläge erlebte, fand durch das Deutungsmuster vom zornigen Gott einen Weg aus seiner Traumatisierung. Gottes Zorn als antike Frühform von Traumabewältigung?

Skandal mit Usa

John zitiert ein skurriles Unglück beim Transport der Bundeslade: Die Lade droht vom Gespann zu kippen und ein Mann namens Usa streckt – wir würden sagen: geistesgegenwärtig – seine Hand aus, um die Lade zu sichern.

“Da entbrannte des HERRN Zorn über Usa, und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes.” (2Sam 6,7 LUT)

Dieser Text bereitet Auslegern bis heute viel Verdruss. John empört sich:

“Gehen wir wirklich davon aus, dass der Schöpfer des Universums die Beherrschung verliert, weil ein menschliches Wesen handelt ohne nachzudenken?” (S. 39)

Ursache-Wirkung-Denken

Es wäre doch möglich, dass Usa schlicht unter den Strapazen dieses anspruchsvollen Spezialtransportes zusammenbrach? Dehydriert einen Hitzeschlag bekam? Heute wäre ihm vielleicht mit einem Defibrillator geholfen. Die Diagnosemöglichkeiten damaliger Zeit ließen nur einen Schluss zu: Usa hatte zuletzt die Bundeslade angetatscht – und voilà, da muss der Herr ihn niedergestreckt haben. Ursache-Wirkung-Denken vor 3000 Jahren.

Johns Ansatz der Interpretation ist aber nur die halbe Miete. Es stellt sich nun die Frage, ob Gott überhaupt so emotionale Wechselbäder haben kann, wie die Texte erzählen? Ist er denn nicht immer derselbe? Doch, sagt die Bibel – und jede vernünftige Überlegung: Wenn Gott allwissend und allmächtig gedacht wird, dann macht er keine “Prozesse” durch wie unsereins. Er hat keine manisch-depressiven Phasen. Er bildet sich auch nicht eine Meinung, um sie später zu revidieren.

“…von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist.” (Jak 1,17 LUT)
“Ich bin’s, der HERR, der Erste, und bei den Letzten noch derselbe.” (Jes 41,4 LUT)

Wie geht es Dir mit dem "Zorn Gottes"?

Was ist Zorn überhaupt?

Gott bleibt demnach derselbe in Ewigkeit, das bedeutet Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Treue. Gott ist nicht willkürlich oder launisch. Er bleibt sich selbst treu. Wie passt das jedoch zum Zorn? Und was ist Zorn überhaupt?

Bei genauer Betrachtung ist Zorn vor allem eine Reaktion auf eine (Ent-) Täuschung. Im Zorn vollzieht sich das Gewahrwerden, dass Dinge anders laufen, als ich sie mir wünsche. Die Crux ist nun: Kann Gottes allwissende Sicht auf seine Schöpfung derart beschränkt oder getrübt werden, dass er unter Realitätsverlust leidet? Und wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufstampft? Kann Gott von uns so enttäuscht werden, dass ihn seine Liebe zu uns “reut”? Wusste Gott nicht, mit was für einem “störrischen” Volk er da gerade anbandelte?

Gott als Witzfigur

Du merkst, dass eine allzu menschliche Projektion unserer Zornerfahrungen auf Gott ihn zur Witzfigur macht. So kann Gottes Zorn nicht gemeint sein.

Die Spannung lässt sich meiner Meinung nach philosophisch auflösen, wenn man bedenkt, dass sich Gott jenseits vom Raum und Zeit befindet, da er nach biblischem Verständnis ihr Verursacher ist. Zeit ist letztlich nur ein Maß für (Zustands-) Veränderungen. Also kann es an einem Ort jenseits oder “über” der Zeit nur einen konstanten Dauerzustand Gottes geben: den liebenden Gott (nicht zu verwechseln mit “lieber Gott”!).

Alle Regungen ständig und auf einmal

Was meint “liebend”? Reife Liebe schließt immer auch Gerechtigkeit ein. Andernfalls wäre es eine recht billige und fragwürdige Liebe. Und Gerechtigkeit wiederum braucht den Vollzug, d.h. Gericht und Durchsetzung. Gottes liebende “Grundstimmung” ist in der Zeitvollmächtigkeit (was “Ewigkeit” meint) stets alles ganz und gleichzeitig: glücklich, gnädig, gerecht, begeistert, leidend, zornig, hassend (die Sünde)… Gottes Herz hat alle diese Regungen auf einmal und ewig “im Anschlag”, als unerschöpfliches Potenzial.

Erst für Dich und mich in Zeit und Raum fraktioniert sich Gott durch sein Handeln in Zeit und Raum. D.h. wir erleben ihn hier mal so, dort mal so. Nicht aus einer Launigkeit, sondern als zwangsläufige Folge seiner Zuwendung, seines Interesses an uns in den Grenzen von Zeit- und Räumlichkeit.

Emotiogramm von Gott

Launischer zorniger Gott

Möchtest Du ein vollständiges Emotiogramm von Gott anlegen, so darfst Du Dich nicht auf einzelne Textstellen fokussieren, sondern musst alle Schriften der Bibel zur Hand nehmen. Gott ist alles und gleichzeitig, wie er uns über die rund 2000 Jahre des biblischen Erzählhorizontes geschildert wird. Und mit Jesus verschiebt sich dieses Bild Gottes nicht etwa, sondern steigert sich mit unüberbietbarer Tiefenschärfe und Farbigkeit. Jesus zeigte unendliche Liebe, Gnade und Anteilnahme – aber auch Zorn und scharfe Zurechtweisung.

Aus Ereignissen mal so, mal so auf Gott zu schließen, ist also vor allem menschlich. Es sind Versuche, nach vertrauten sozialen und psychologischen Deutungsmustern zu interpretieren, als Wesen in Raum und Zeit die Welt und ihre Zusammenhänge zu begreifen.

Du hast aber auch einen Geist. Allein er hat Zugang zum Herzen Gottes und vermag erkennen, dass und wie Gott stets derselbe war, ist und sein wird.

Fotos: Pixabay, Shutterstock

Mehr am “Abend der Einheit” mit der Frage: “Wie viel ist Gott?”

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