Kann man ahnungslos in einer falschen Wahrheit leben? – “Was macht ihr in meiner Wohnung!?” Die schwarze Silhouette einer unbekannten Person aus dem Gegenlicht der durch die offene Wohnungstür scheinenden Treppenhausbeleuchtung kam bedrohlich näher. Schlaftrunken richtete ich mich auf. “Was machen sie in unserer Wohnung!?”, rief ich erschrocken und empört zugleich zurück.

Unbekannte Frau an unserem Bett

Da ging im Zimmer das Licht an und vor unserem Bett stand eine Frau: “Wer seid ihr?” – “Wir sind Bekannte von Veronique. Sie hat uns ihre Wohnung zur Übernachtung überlassen.” – “Veronique wohnt aber im 3. Stock und das hier ist der 2. Stock, meine Wohnung! Woher habt ihr den Schlüssel?”

Meine damalige Freundin und ich waren erst am Abend in Paris angekommen und gleich zum Bistro geeilt, in dem Veronique ihren Wohnungsschlüssel für Gäste deponierte. Den in Paris üblichen Code für die Haustür wusste ich noch vom letzten Besuch. Und so standen wir bald im 3. Stock vor der Wohnungstür – nur passte der Schlüssel nicht ins Schloss. Vielleicht war ihre Wohnung doch im 2. Stock, ich hatte nie so genau darauf geachtet. Und tatsächlich sprang dort die Tür auf.

Etwas schien nicht zu stimmen

Wir bemerkten sofort, dass etwas nicht stimmte: Die Wohnung war nicht aufgeräumt, das Bett nicht gemacht, keine Handtücher bereitgelegt, Schränke standen offen. Veronique musste in großer Eile aufgebrochen sein, denn das hier war so gar nicht ihre Art. Während ich unsere Koffer auspackte, begann meine Freundin aufzuräumen und alles behaglicher zu machen. Müde von der Anreise schliefen wir bald ein. Bis wir plötzlich Geräusche vom Türschloss hörten und mit einem Mal diese Frau vor uns stand, die nicht Veronique war.

Sie war Veroniques Nachbarin: “Da haben sie im Bistro die Schlüssel verwechselt. Denn meiner liegt auch dort.” Die Frage war nun: wohin mit uns, denn das Bistro war längst zu. Wir durften die Nacht bleiben, die Nachbarin legte sich aufs Sofa.

Als wir am nächsten Morgen mit dem richtigen Schlüssel im 3. Stock die richtige Wohnung betraten, sahen wir sofort, dass wir erwartet wurden: Aufgeräumt und auf dem frisch bezogenen Bett lag ein Stapel Handtücher mit Willkommensnotiz von Veronique.

Am Polizeieinsatz knapp vorbei

Im ersten Moment war mir die Situation unendlich peinlich, dann war ich froh, dass die Nachbarin nicht davongestürmt und mit der Polizei wiedergekommen war, um uns als Einbrecher aufs Revier abführen zu lassen. Ich habe oft daran zurückgedacht, wie wir in der falschen Wohnung standen und spürten, dass etwas nicht stimmte. Aber dann uns darüber hinweggesetzt, aufgeräumt und uns eingerichtet haben. Als ob damit die falsche Wohnung zur richtigen würde, zur Wahrheit. Ein Schlüssel kann doch nicht trügen?

Mich erinnert das an das Leben, dass jeder von uns bekommen hat. In welcher Wohnung, nach welcher Wahrheit leben wir? Nur weil wir durch Eltern, Lehrer, Politiker, Tradition, Kultur oder Wissenschaft Schlüssel in die Hand gedrückt bekommen, müssen es noch lange nicht die zur richtigen Wohnung, die zur Wahrheit sein. Wir können ein Leben lang “falsch”, d.h. in einer Täuschung oder Lüge wohnen. In einer Schein-Wahrheit leben. Daran ändern alle Bemühungen nichts, es sich trotzdem behaglich zu machen, schön aufzuräumen. Und es ist viel bequemer, als mit anderen Schlüsseln alle weiteren Türschlösser durchzuprobieren.

Ohne Orientierung und Schlüssel

Das erste Buch der Bibel (und im Prinzip alle Weltreligionen) schildert uns bildgewaltig, dass wir alle aus derselben Wohnung, oder besser: demselben Haus kommen und wir dorthin zurückkehren sollen (nicht: werden). Das Dumme ist nur, dass uns die Orientierung dorthin zurück und der Schlüssel zur Tür abhandengekommen sind. Schaue Dir zurzeit die Nachrichtenlage an, dann merkst Du, was ich meine.

Das letzte Buch der Bibel warnt eindringlich: Mit Lebensende drohen zwei tragische Einsichten: Erstens, dass wir die ganze Zeit in der falschen Wohnung, nicht in der Wahrheit gelebt haben. Und zweitens, dass wir mit unseren falschen Schlüsseln nicht die wahre, da endgültige, ewige Wohnung finden und aufschließen können. Wir wurden (oder haben uns selbst) belogen und getäuscht. Und diese Einsicht und ihre Folgen haben es in sich.

Lebst Du in der wahren Wohnung?

Schaue Dich daher immer wieder skeptisch um, ob Du in der wahren Wohnung lebst. Schaue beim “Abend der Wahrheit” rein, in dem wir undogmatisch und vernünftig verschiedene “Schlüssel” und “Wohnangebote” der Naturwissenschaften, der Philosophie und Theologie prüfen.

Foto: Pixabay

Mehr am “Abend der Wahrheit” mit der Frage: “Wie wahr ist Wahrheit?”

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