Schon mal überlegt: Was ist eigentlich Dein “Ich”?
- Ist es vielleicht Dein Name?
- Dein Körper?
- Oder Dein Geist?
Stand der Wissenschaft ist – ich hoffe Du sitzt: Dein Ich-Gefühl ist eine Konstruktion Deines Gehirns. Eine Vorstellung von Dir selbst. Den Beweis liefern recht einfache Experimente (und Meditationspraktiken), in denen sich das Ich-Gefühl aus dem Körper verlegen lässt.
Deine eigene Dreifaltigkeit
Es kommt noch besser: Du hast nicht nur ein erstaunlich mobiles “Ich”, sondern gleich drei davon:
- Ich als Subjekt.
- Ich als Gegenüber, also als Objekt, z.B. wenn Du über Dich nachdenkst (“Selbstwahrnehmung”).
- Ich wie es wirkt und von Dritten wahrgenommen wird (z.B. als Dein “Image”, Stichwort “Fremdwahrnehmung”).
Die Person, mit der Du am meisten (in Gedanken) sprichst, bist Du selbst. Und dieses permanente Selbstgespräch tritt als “Wir”, also als dritte Entität nach außen in Erscheinung. Me, myself & I. Du bist Dreiheit in Einheit, ziemlich ähnlich wie Gott in seiner Dreifaltigkeit. Wenn Dich das näher interessiert, schau beim “Abend der Einheit” vorbei!
Die Welt als Vorstellung
Nicht nur Dein Ich-Gefühl ist ein neuronales Phänomen i.S.v. Vorstellung, nein, die ganze Welt ist es. Das meiste, was Du für Realität hältst, ist buchstäblich Vor-Stellung: Dein Geist stellt eine aus den Nervenreizen Deiner Sinnesorgane konstruierte Realität vor Dich. Wie ein Traum. Die Welt als Vorstellung – das meinte schon im 19. Jhd. der Philosoph Schopenhauer.

Schon? Welche Untertreibung! Diese Idee ist mindestens 2500 Jahre alt. Ich komme gerade aus Thailand, wo ich intensiven Dialog mit buddhistischen Mönchen hatte. Ihr Credo:
“Das Ich ist eine Illusion.” – Buddhismus
Ebenso die übrige Welt. Okay, ganz so schlicht hat es Buddha nicht gemeint. Im Kern trifft es jedoch ziemlich gut das, was oft mit “Erleuchtung” übersetzt wird. Der eigentliche Wortsinn im Sanskrit, einer altindischen Gelehrtensprache, meint aber “Erwachen aus einem Traum”! Kein Wunder, dass Schopenhauer den Buddhismus toll fand.
Die Idee der “Welt als Vorstellung” zieht sich durch die Geschichte:
- Hinduismus: Als früheste Weltreligion im Konzept von “Maya”, der Kraft des Scheins und der Täuschung.
- Philosophie: Nur 100 Jahre nach Buddha in Platons berühmten Höhlengleichnis. Später wie gesagt bei Schopenhauer, dann in Glasersfelds “Konstruktivismus”.
- Christentum: Um 100 n.Chr. im Prolog des Johannesevangeliums, der Gott als letzte, ewige Realität von der aus ihm strömenden, aber vergehenden Welt unterscheidet.
- Quantenphysik: In der Deutung von Information als Urgrund aller Teilchen (Prof. Anton Zeilinger) oder einem “partizipatorischen Universum” (Prof. Gerd Ganteför), in dem wir an der Vorstellung von Realität in geheimnisvoller Weise beteiligt sind.
- Neurowissenschaften: Das Ich als Konstruktion, s.o.
- Kunst: Autoren und Künstler hat die Welt als Vorstellung in ihrem Schaffen bewegt.
“Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.” – Salvador Dali

Brisante Fragen
Dieser bemerkenswerte Konsens von Geistes- und Naturwissenschaften legt ein radikal anderes Realitäts- und Wahrheitsverständnis nahe, was wiederum Fragen aufwirft. Hier eine Auswahl:
- Wieweit kannst Du dem, was sich Dir da als “Realität” vorstellt, trauen?
- Wenn Du denkst, Du seist eine Katze – gilt Dein Ich-Gefühl dann allgemein oder ist es nur unverbindliche “Privatwahrheit”?
- Wer oder was birgt sich hinter der Realitätsvorstellung, führt die Regie?
- Wie “erwachst” Du aus dieser Vorstellung?
- Wo findest Du in Zeiten wie diese dann noch wirklich vertrauenswürdige Wahrheit?
Gott als Realität?
U.a. um diese Fragen kreist der “Abend der Wahrheit”. Ich versuche darin, Spiritualität in Kontext zu setzen mit wissenschaftlichen Befunden zur Realität. Gerade den christlichen Glauben kann man auch so sehen: Es ist die Dir und mir in einem vernünftigen (!) Vertrauensakt zugemutete Bemühung, in die ultimative Realität, Gott, vorzudringen und dort existenzielle Wahrheit zu finden. Du (und Dein Ich) sind kein Zufall, Zellhaufen oder Teilchenwolke, sondern
- gewollt, d.h. es gibt es eine Absicht,
- geplant, d.h. es gibt ein Ziel,
- geliebt, d.h. Du bist die Leidenschaft von jemandem.
Das ist die wichtigste Erkenntnis und Wahrheit, die Dein Ich über sich finden kann. Und von falschen Vorstellungen befreit.
“Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.” – Joh 8,32 (NLÜ)
Titelbild Fotomontage: Pixabay.com / Foto Dali-Graffiti: Dreamtime.com
