Szene einer Karfreitagsliturgie: Vor einem im Altarraum aufgerichteten Kruzifix bildet sich eine Menschenschlange bis ans andere Ende des Doms. Junge und Alte. Einige mit Blumengestecken. In zwei Reihen treten sie vor, sinken auf die Knie, halten für einen Moment inne, stehen wieder auf. Einige haben dazu nicht die Kraft. Messdiener müssen unter die Arme greifen.

Bebende Herzen

Es ist eine stumme Prozession, wie man sie von Bestattungen kennt. Letzter Abschied von dem Toten. Die Tränen und die Erschütterung in den Gesichtern verraten: das Dunkle, das Unfassbare dieser Stunde lässt nicht nur vor 2000 Jahren die Erde, sondern bis heute Herzen beben.

Während ich verfolge, wie im Takt Menschen auf die Knie fallen, kommt mir eine Prophetie in den Sinn:

“Vor Jesus müssen einmal alle auf die Knie fallen.” (Jes 45,23; Röm 14,11)

Als ich mir vor meinem geistigen Auge dieses “alle” vorstelle, ergreift mich ein heiliger Schauder. Ich verstehe einmal neu, dass erst auf Knien der Mensch seinen rechten Platz findet, Heilung empfängt, die kosmische Ordnung wiederhergestellt wird. Das Krisengeschrei verstummt, die Waffen niedergelegt werden, die geschundene Schöpfung aufatmet.

Englischer König als Diener

Szenenwechsel. Krönungsfeier von Charles III. Der 14-jährige Chorist von der Chapel Royal am St James’s Palace, Samuel Strachan, begrüßt den König mit folgenden Worten:

“Eure Majestät, als Kinder des Reiches Gottes heißen wir Sie im Namen des Königs der Könige (d.h. Jesus, Anm. des Autors) willkommen.”

Und Charles antwortet vor den Augen und Kameras der Weltöffentlichkeit:

“In seinem Namen und nach seinem Beispiel komme ich nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.”

Akute Mangellage

Zwei Szenen, zwei Gesten – aber dieselbe Ansage: Demut. Einmal von ganz einfachen Menschen wie Du und ich. Und einmal von einem Staatsoberhaupt. In jeder dieser Szenen liegt einerseits ergreifende Wahrheit und andererseits Elendserkenntnis: Wie sehr fehlen unserer Gesellschaft, unserer Zeit solche Gesten und Worte – sagen wir – in der Regierung, im Bundestag. Im öffentlichen Diskurs. In den Medien. Auf Twitter und Facebook. Eigentlich überall.

Wie gut täte es uns, wenn jeder – und wenn auch nur innerlich – einmal die Welt auf Knien betrachten und anreden würde. Eben in Demut.

Aus der Knieperspektive

Vor einigen Wochen stieß ich auf einen Artikel mit dem Titel “Das können die doch nicht machen!”. Verfasser ist der Exildeutsche Manfred Haferburg, der mit einer gewissen Häme die bundesdeutsche Politik aufspießt.

Über den Stil kann man streiten, auch vermag ich nicht alle Fakten zu überprüfen. Aber ich werde einfach nicht das Gefühl los, dass Haferburg einen wunden Punkt trifft: Immer mehr Volksvertreter verachten die “Knieperspektive”, Gott sowieso, und überziehen uns mit Belehrungen und Gängeleien, weil sie vor nichts und niemandem mehr Respekt haben – und vom willfährigen Souverän auch kaum mehr zu befürchten haben als Leserbriefe und Petitionen.

Vermisst Du an unseren Politikern Demut?

Vereidigung mal anders

Auf Knien findet der Mensch seinen rechten Platz, empfängt Heilung, wird die kosmische Ordnung wiederhergestellt. Wird das Krisengeschrei verstummen, die Waffen niedergelegt, die geschundene Schöpfung aufatmen. In Ahnung und Demut vor dem Unendlichen und Unbegreiflichen, dem König der Könige. Vielleicht hört sich die Vereidigung des nächsten Bundeskanzlers oder Bundespräsidenten so an:

“Herr/Frau Bundeskanzler/in (bzw. Bundespräsident/in), als Kinder des Reiches Gottes heißen wir Sie im Namen des Königs der Könige willkommen.”

“In seinem Namen und nach seinem Beispiel komme ich nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.”

Klingt albern? Vielleicht springt so ein anderer Politikstil heraus.

Fotos: Playground AI, BBC

Mehr am “Abend der Klarheit” mit der Frage: “Wie erotisch ist Gebet?”

Wie effektiv ist Gebet?

Wir haben keine Ahnung, wer Du bist.

Und das finden wir großartig: Kein Tracking, keine Cookies, keine nervigen Pop-ups. Nur Du und wir. Gib doch ein paar Sterne, wenn Dir der Beitrag gefallen hat.

Schade, dass der Beitrag für Dich nicht interessant war!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?