“Weide meine Schafe!” – Warum geht es bei Jesu Lehren und Reden immer wieder nur um Schafe? Es gab doch zu seiner Zeit noch andere Nutz- und Herdentiere wie Ziegen, Rinder, Esel oder Maultiere?
Rettungseinsatz am Deich
Diese Frage haben wir uns gestellt, als wir gestern auf einem Deich spazierten, an dem gerade eine Schafherde graste. Was ist an Schafen so besonders oder anders? Die Antwort fanden wir unvermittelt auf dem Rückweg: Schon von weitem war das verzweifelte Blöken eines Schafs zu hören, das am Deichsockel in einen Wassergraben gefallen war. Da stand es nun bis zur Halskrause im dunklen, kalten Brackwasser. Die steilen Grabenflanken vereitelten jeden Versuch des Tieres, sich aus seiner misslichen Lage selbst zu befreien.
Hundert unsichtbare Finger auf uns
Während der Rest der Herde von dem Vorfall nicht sonderlich Notiz nahm und genüsslich weiter graste, schauten wir uns um: weit und breit war kein Schäfer zu sehen. Die Abenddämmerung setzte bereits ein. Es schien so, als würden hundert unsichtbare Finger auf uns zeigen. Ich gab mir einen letzten Ruck – und stieg den Deich hinab.
Am Grabenrand kniete ich nieder, worauf das Schaf mir seinen Kopf zutraulich entgegenreckte. “Und jetzt?”, rief ich ratlos zu meiner Frau hoch. “Versuch, es am Nacken zu packen.” Beherzt griff ich in das Nackenfell und konnte so das Schaf näher zu mir hinziehen. Gott sei Dank schlug das Tier nicht panisch mit seinem Kopf hin und her, sondern ergab sich ganz meinem Rettungsversuch.
Sind Schafe nur dumm?
Aber nun musste das Tier mit seinem ganzen, tropfnassen Gewicht irgendwie aus dem Graben gehoben werden. Die Vorstellung, dass ich mich dafür selbst in den hüfttiefen Graben stellen müsste, missfiel mir sehr. Ich beugte mich noch tiefer herab, konnte die Vorderschenkel packen und so den Rumpf ein wenig anheben. Damit gelang es dem Schaf, unter kräftigem Einsatz der Vorderläufe sich über den Grabenrand zu ziehen. Noch einmal packte ich es am Rücken und half so, auch mit den Hinterläufen den Grabenrand zu überwinden. Endlich geschafft! Das Schaf schüttelte kräftig das Fell, lief zur Herde und schaute mir noch lange nach. Sein Blick wirkte irgendwie dankbar.
Unter Viehzüchtern gelten Schafe als relativ dumm. Mag sein. Und vielleicht meinte Jesus in Hinblick auf die weitere Menschheitsgeschichte auch das. Aber eines weiß ich jetzt aus eigener Anschauung: Schafe sind vor allem hilflos. Gelegentlich trifft man bei uns im Norden auf die ernstgemeinte Bitte, einem Deichschaf, das auf dem Rücken liegt und alle Viere gen Himmel streckt, aus seiner misslichen Lage zu helfen. Denn alleine kann es das nicht. Und der Rest der Herde scheint auch keine große Hilfe zu sein. Schafe brauchen einen Hirten als beherzten Helfer:
“Ich bin gekommen, damit sie (die Schafe) das Leben haben und volle Genüge. Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.” (Joh 10,10-11 LUT)
Eher wie Lämmer als Schafe
Bei Ziegen ist mir so eine Hilflosigkeit nie aufgefallen. Irgendwie erscheinen die mir geradezu clever bis frech. Ebensolches wird Eseln und Maultieren nachgesagt. In einer seiner Abschiedsreden fordert Jesus Petrus dreimal auf:
“Weide meine Schafe!” (Joh 21,15-20)
Wirklich? Nein, beim ersten Mal spricht Jesus von “Lämmern”. Jesus setzt also noch einen darauf: nicht wie ein erwachsenes Tier, sondern noch viel hilfloser, nämlich wie Jungtiere sind wir in seinen Augen!
Menschen im Hybris-Graben
Angesichts nicht abreißender Krisen und einer sich immer weiter steigernden Hilflosigkeit um Euro, Europa, Migration, Corona, Klima, Ukraine, Inflation, Energie, Infrastruktur, Verkehr etc. erscheint das Bild Jesu prophetisch. Aber im Gegensatz zum Schaf, das bis zum Hals im Malheur stand und einfach um Hilfe rief, zeigt der Mensch keinerlei Anstalten, sich von seinem Hirten aus dem Graben seiner Hybris, sich und die Welt selbst zu retten, ziehen zu lassen. Das lässt sein Stolz nicht zu.
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