Woher kommt das Böse in der Welt? Und wer ist verantwortlich? Dazu ein paar religionsphilosophische Überlegungen, die den genealogischen Entstehungsmoment des Bösen quasi mit einem Makroobjektiv, also aus Nahperspektive zu erfassen versuchen.
Aber bevor ich loslege, eine Klärung: Für mich als Religionsphilosoph ist die diesem Thema zugrundeliegende Schöpfungserzählung im Buch Genesis (1. Mose 1ff.) kein Bericht im wissenschaftlichen Sinne, sondern der Versuch, in opulenten Bildern nach hebräischer Denkweise eine tiefe Wahrheit über die Bedingungen und Bezogenheiten von Menschsein zu vermitteln.
Es geht nicht um die Frage, wie nach wissenschaftlichen Kriterien die Welt geschaffen wurde, sondern vielmehr, warum sie so ist, wie wir sie vorfinden. Es ist eine Deutung von Menschsein.
Schlechter Wochenstart
Ein interessantes Detail in der Schöpfungserzählung sind die sechs bzw. sieben “Schöpfungstage”, das ich für meine Überlegungen als Bild für ein göttliches Ordnungsgeschehen aufgreife.
Unter Handwerkern gilt der erste Arbeitstag in der neuen Woche nach dem erholsamen Wochenende als anfällig für Ärger und Missgeschicke aller Art. Dem “Handwerker” Gott ging es nicht anders: Gerade war er mit der Schöpfung fertig und hatte geruht, als am folgenden “Tag” (der nach der Schöpfungserzählung der achte “Tag” gewesen sein könnte) das Böse in die Welt kommt und seine Verheerungen entfaltet.
Woher kommt das Böse?
Folgt man nämlich dem Buch Genesis, existierten bei Vollendung der Schöpfung weder das Böse noch das Gute, da es bis zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Kriterium (z.B. eine Norm, Gebot, Gesetz) gab, das definierte, was mit “gut” und “böse” eigentlich gemeint sein soll. Folglich waren “gut” und “böse” auch noch nicht unterscheidbar. Selbst Gott war zu diesem Zeitpunkt einfach nur Gott, nicht “gut” oder gar “lieb”.
Dass Gott seine Schöpfung mehrfach als “gut” befindet, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, da das hier für “gut” sein benutzte Wort im Hebräischen kein moralisches “Gutsein” meint, sondern die (zweckgerechte) Eignung für etwas! Gott und Schöpfung waren also einfach nur da. Sie existierten frei jeglicher Moralurteile. Erst recht unserer, da der Mensch noch nicht die Bühne betreten hatte.
Zwei Neuerungen mit Tragweite
Die Möglichkeit (erst einmal nur die!) von Bösem eröffnete sich durch zwei Neuerungen mit enormer Tragweite:
- Setzung einer moralischen Norm.
- Schaffung eines Wesens mit freiem Willen, das aber anders als Tiere über seine Triebe hinaus Verstand hat, eine gesetzte, moralische Norm zu erkennen, zu verstehen und zu befolgen, kurz: das verantwortlich sein konnte.
Eine erste Normsetzung steckt in dem Umstand, dass Gott den Mensch will und schafft. Und zwar just am selben “Tag” wie die Tiere (1Mo 1,26). Warum belässt es Gott nicht bei den Tieren? Oder zählt den Menschen zu den Tieren? Antwort: Weil Gott den Mensch sich nach seinem Abbild (d.h. geistlichen, emotionalen, kognitiven, sozialen Fähigkeiten) als Gegenüber, für eine Beziehung schafft! Im Grunde beginnt hier (noch) unausgesprochen die zentrale und wichtigste Norm der Bibel:
“Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.” (5Mo 6,5; Mt 22,37)
Eine weitere Normsetzung und erstmalige direkte Ansprache des Menschen findet man in 1Mo 1,28 (ELB):
“Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Erde und unterstellt sie euch und herrscht (…).”
“Unterstellen” und “herrschen” meint die Erhaltung und Förderung von Leben in einer lebenswerten Umwelt. Es wird erstmalig ein “Gut” im Sinne von etwas Gutem gesetzt. Und der Mensch wird über seine Rolle, Aufgabe und Verantwortung belehrt. Tusch und Tatatataaa: (Erst) jetzt kann er (darin) “gut” oder “böse” sein!
Viel klarer als moralische Norm erkennbar ist das Gebot Gottes an den Menschen in 1Mo 2,16 (ELB):
“Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen darfst du nicht essen; (…)”
Gott geht ins Risiko
Spätestens hier und in gewisser Weise am achten Tag wird dem Mensch eine unmissverständliche Norm vorgelegt, mit der im selben Moment die Möglichkeit der Erfüllung, aber auch der Verfehlung einhergeht. Gott öffnet zwangsläufig mit dieser und jeder weiteren normativen Setzung (wie später der Tora) das “Risiko” einer Tatsphäre für das “Gute” (d.h. Gehorsam und Segen) sowie für das “Böse” (d.h. Ungehorsam und Fluch):
“Du aber herrsche über sie!” (1Mo 4,7; gemeint ist die Sünde, d.h. das Böse)
Woher kommt nun das Böse? Und was hat Gott damit zu tun?
- Gott ist an der Existenzmöglichkeit des Bösen also insofern beteiligt, als seine normativen Setzungen immer die potenzielle Erkennbarkeit und die deren potenzielle Übertretung als Tatbestand vom Bösen nach sich ziehen (vgl. Röm 7,7). Ohne die Norm gäbe es nichts zu erkennen und zu übertreten. Ein Grundsatz, dem auch das kontinentaleuropäische Rechtsverständnis folgt. Die lateinische Kurzformel nullum crimen, nulla poena sine lege (“kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz”) bezeichnet den Gesetzlichkeitsgrundsatz im Strafrecht.
- Gott ist an der faktischen Realexistenz des Bösen insofern unbeteiligt, als sein eigenes Tun niemals den Tatbestand von Bösem erfüllt und nie Böses aus der Existenzmöglichkeit in reale Existenz bringt (auch Gottes Strafen nicht, da sie seiner Gerechtigkeit geschuldet und somit “gut” sind). Vielmehr ist es der Mensch, der durch verstandesmäßiges Tun und damit Verfehlung der Norm das Böse erstmals in reale Existenz bringt (“Sündenfall”).
Erdrückende Verantwortlichkeit
Dass Gott den Mensch ausgerechnet vor einem Baum “der Erkenntnis des Guten und Bösen” mit seiner ersten moralischen Norm konfrontiert, leitet mich zur Deutung (neben vielen anderen) als Sinnbild: Menschsein steht immer wieder vor der Wahl, Gottes Normen in glaubendem Vertrauen zu folgen – oder mit zweifelndem, kritischem Verstand (= “Erkenntnis des Guten und Bösen”). Letzterer wirft den Mensch in eine so erdrückende und fatale Verantwortlichkeit, dass er nur scheitern, böse und damit schuldig werden kann. Dass er immer weiter Böses gebiert. Gott wollte und will dem Mensch diese todbringende Schuld und Schmach ersparen.
Widersacher Gottes
Woher kommt das Böse? Christen versuchen oft, das Böse auf einen Widersacher Gottes, den Verführer (alias Satan, Teufel, Engel des Lichts etc.) zu schieben. Das löst aber die Frage, woher das Böse kommt, nicht, sondern verschiebt sie nur: Woher kommt denn der Widersacher Gottes und warum duldet Gott ihn überhaupt? Obgleich die Bibel dazu eine Erklärung (Hes 28,12-18, LK 10,18) liefert, bringt sie uns in einer vernünftigen Genealogie (Lehre vom Ursprung) des Bösen leider keinen Deut weiter.
Möchtest Du mehr zu diesem Thema hören? Dann schau am “Abend der Dunkelheit” vorbei, an dem es um die Frage geht: Warum das Leid?
