Eine amerikanische Zeitschrift bat ihre Leser, den Satz einzusenden, den sie am liebsten hörten. Ganz oben auf der Liste der Meistgenannten standen:

“Ich liebe dich!”
“Ich vergebe dir!”
“Das Essen ist fertig!”

Es überrascht und berührt, dass Liebe, Vergebung und Essen eine Triade menschlicher Sehnsüchte bilden. Wobei erstere beiden oft mit einem Essen einhergehen:

  • wie viele Liebeserklärungen stehen unter dem Kerzenglanz eines romantischen Dinners,
  • wie viele Versöhnungen verdanken sich der befriedigenden Sättigung aus einem vorzüglichen Mahl?
Frohe Botschaft auf den Punkt gebracht

Ganz gleich, welchem Verständnis Du zum christlichen Abendmahl folgst: Seine Deutung als Ausdruck von Gottes Liebes- und Versöhnungsbereitschaft liegt folglich auf der Hand. Der Schöpfer höchstpersönlich ruft seinem nach Liebe und Frieden hungernden Geschöpf freundlich nickend zu:

“Das Essen ist fertig!”

Schlichter lässt sich die Frohe Botschaft nicht auf den Punkt bringen.

Ihr Verkünder, Jesus von Nazareth, wertschätzte das Mahl und die sich darum versammelte Mahlgemeinschaft als Moment für Diskussion und Lehre. Folgt man den Evangelien, so ist es der zweithäufigste Moment (23 Mal).

Immer wenn während meines Besuchs bei den orthodoxen Mönchen auf dem Berg Athos zu den Mahlzeiten aus der Bibel vorgelesen wurde, fühlte ich mich in diesen Moment zurückversetzt. Nahrungsaufnahme scheint auf geheimnisvolle Weise die Wortaufnahme zu begünstigen. Oder ist es vielleicht sogar dasselbe? Essen als hörendes Gebet, ja gar als Anbetung?

Essen als Achtsamkeitstraining

Dass Essen eine Form von Andacht sein kann, merkst Du daran, dass in der Regel nach dem Servieren “andächtiges” Schweigen einsetzt und nur noch das Klappern des Bestecks zu hören ist. Alle Sinne geben sich dem Genuss hin, versuchen die Sinnesreize wahrzunehmen, begleitet von Amen-Rufen wie “Hmmmh!” oder “Einfach köstlich!”. Eine ähnliche Verfassung wie beim hörenden Gebet, wo der Beter still wird, um für die Ansprache und Schönheit Gottes empfänglich zu werden. Essen als alltägliches Achtsamkeitstraining.

Es bedarf keiner Religiosität, um Essen als intime Handlung zu begreifen, mit der ein Teil der Welt in den eigenen Körper aufgenommen und sich zu eigen gemacht wird:

  • Mit dem Mund formst Du nicht nur Sprachlaute, die Dich von innen nach außen in Beziehung zur Welt stellen;
  • Dein Mund schafft über das Essen auch eine entgegengesetzte Beziehung zur Welt, nämlich von außen nach innen. Du erzeugst über die Esshandlung einen Kontakt zur externen Welt, erfährst so ihre Materialität sinnlich.
Orale Weltbeziehung

Diese orale Weltbeziehung gehört zu den ersten Erfahrungen des Kleinkindes: In den ersten Wochen seines Lebens versucht es, die Welt mit ihren Gegenständen quasi mit dem Mund zu begreifen. Mit dem Zu-sich-nehmen stellt der Mensch offensichtlich eine sehr intime und persönliche Verbindung zur Welt her. Er eignet sie sich an, macht sie zu seiner eigenen Welt. Bezeichnenderweise können Essstörungen eine tiefgehende Beziehungsstörung zur Welt anzeigen.

Pantheismus Panentheismus

Was ist das eigentlich genau, was wir als “Welt” ansehen und in uns aufnehmen? Folgt man dem christlichen Konsens, d.h. dem Panentheismus,

  • so ist die Welt (womit ich das gesamte Universum meine) nicht nur von Gott umschlossen,
  • sondern auch bis ins kleinste Teilchen durchdrungen und
  • wird durch einen permanenten “Sprechakt” Gottes in Existenz gerufen und gehalten.

“Im Anfang war das Wort. (…) Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist.” (Joh 1,1–3)

Rückendeckung für diese Vorstellung kommt u.a. aus einer verbreiteten Deutung der Quantenmechanik, die annimmt, dass die “letzte Ursache” von allem simple Information ist. Dass das sog. Quantenfeld den Urgrund der Welt legt:

“Materie kann als kondensierte Information verstanden werden. Nicht Materie ist der Urstoff, Information ist der Urstoff des Universums.“ – Thomas Görnitz, Physiker

Mehr dazu am “Abend der Wahrheit“.

Wort Gottes schmeck- und genießbar

Wenn also Materie, ja alles Weltliche aus Gott ist, permanent aus ihm entspringt und fließt, so nimmst Du beim Essen mit Materie und ihrer Information auch den Verweis auf die Quelle, also Gott in Dich auf, verstoffwechselst buchstäblich das Wort Gottes, aus dem alle Materie “gemacht” ist. Beim Essen nimmst Du das Wort Gottes konkretisiert, d.h. materialisiert auf; es wird Teil Deiner Körperlichkeit, d.h. schmeck- und genießbar.

In diese Richtung verweist auch das katholische Abendmahlverständnis: Mit Brot und Wein wird der Gläubige Jesu teilhaftig. Und auch das ist ähnlich: Wie Jesus am Kreuz für uns starb, damit wir leben, so muss auch ein Teil der Schöpfung sterben und uns zur Nahrung dienen, damit wir leben können.

Unsere Ansprache durch Gottes Wort erfolgt also auf zwei Ebenen:

  1. geistlich an unsere Geistlichkeit durch das Hören,
  2. materialisiert an unsere Körperlichkeit durch die Nahrungsaufnahme.
Kochen als Lobpreisung Gottes

Essen als Anbetung. Kochst Du auch so gerne wie ich? Willkommen, denn setzt man diesen Gedankengang fort, fällt jedem Koch (und auch Landwirt, Winzer, Brauer, Bäcker, Käsemacher etc.) quasi ein “Priesteramt” zu: Indem Du weltliche Zutaten bzw. Rohstoffe zu einem guten Essen (oder Produkt) veredelst, beteiligst Du Dich an der Veredelung und Vollendung von Gottes Schöpfung, führst sie auf einen neuen Höhepunkt. Was übrigens unter dem Begriff “Tikkun Olam” ein urjüdischer Gedanke ist.

Kochen kann als Vollzug des Auftrags, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren verstanden werden, ja als Anbetung und Ehrerbietung Gottes für die empfangenen Gaben. Daher möchte Gott Dir im und beim Essen begegnen, sich mitteilen:

“Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.” Psalm 34,9

Essen (und Trinken) als Anbetung. Kochen als Lobpreisung Gottes. Bewusster (maßvoller, verantwortlicher) Genuss als Weg zu seiner Verherrlichung. “Das Essen ist fertig!” klingt wie der verheißungsvolle Auftakt dazu.

Titelfoto: Digital Commonwealth

Mehr am “Abend der Wahrheit” mit der Frage: “Wie wahr ist Wahrheit?”

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