Wenn Du wissen willst, was eine Person besonders drauf hat, musst Du Dir ihre Neider und Feinde anschauen. Obschon bei Jesus Heilung fast Tagesprogramm war und viele Menschen deswegen zu ihm kamen, gab es keinen Stress mit dem judäischen oder römischen Ärzteverband. Dort sah man wohl immer noch genug Arbeit für sich.

Rätselhafte “Lässigkeit” Jesu

Es zeigt, dass Jesu Heilungen eher lokale Wunder waren und Vertrauen (d.h. “Glauben”) voraussetzten. Wer auf eine flächendeckende Ausrottung der damaligen Leiden, Seuchen, Plagen hoffte, sah sich getäuscht. Und selbst an antiken Heilbädern wie dem Teich Bethesda, um die Scharen von Kranken lagerten, heilte Jesus mitunter nur einen einzigen. Man stelle sich die langen Gesichter der anderen vor!

Als Jesus der Notruf seines tödlich erkrankten Freundes (!) Lazarus erreicht, zögert Jesus mehrere Tage mit dem Aufbruch. Welche Ängste und Sorgen müssen Lazarus Angehörige durchgemacht haben! Diese “Lässigkeit” Jesu wirft die Frage auf, wie sehr er an der Aufhebung von Krankheit und damit verbundenem Leid überhaupt interessiert war?

Nach humanitären Maßstäben erstaunlich ineffizient

Trotz seiner vielen Heilungen war Jesus nach humanitären Maßstäben erstaunlich ineffizient. Jesus verstand sich ganz offensichtlich weniger gesendet, um unmittelbar materielles oder körperliches Leid zu bekämpfen. Entsprechenden Erwartungen (s. Joh 12,4) hat er auch Abfuhr erteilt:

“Die Armen habt ihr allezeit bei Euch.”

Er sah einen anderen Notstand dringlicher: Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Rettungslosigkeit. Er wusste, dass der Mensch daran zerbrechen kann. Für Jesus schien es effizienter, nötiger, zu trösten, in Menschen Hoffnung zu pflanzen, sie seelisch und geistlich wieder aufzurichten, zu retten. Das ganze Evangelium ist durchdrungen von Trost, Hoffnung, Rettung.

Heil aus hebräischer Sicht

Als Hebräer verstand Jesus Heilung umfassender, wir würden heute sagen: holistisch. D.h. ein heiler Mensch zeichnet sich weniger durch körperliche Beschwerdefreiheit und kernige Fitness aus, sondern vielmehr durch Heilsein in seiner Gottesbeziehung. Aus jüdischer Sicht hängt daran das ganze Menschsein. Wenn die Gottesbeziehung im Lot ist, kann (nicht: muss) auch alles andere in die gesunde Ordnung zurückfinden. Nur wenn der erste Knopf Deines Hemdes richtig geknöpft ist, kannst Du das ganze Hemd zuknöpfen.

Jesus zeigte gegenüber den Kranken, den Leidenden Erbarmen und echte Empathie. Sie interessierten ihn aber auch als Gelegenheit, seine Sendung und damit verbundene besondere Autorität unter Beweis zu stellen:

“(…) damit die Werke Gottes an ihm (einem Blinden) offenbart würden.” (Joh 9,3)

Was hinter Krankheit liegt

Jesus der Heiler sah hinter den Kranken die Waisen, Verlorenen, Heimatlosen. Menschen, die ihren himmlischen Vater, ihre ewige Heimat und Bestimmung aus dem Blick verloren hatten – und sich deshalb plagten, an/in der Welt litten, so gesehen “krank” waren. Dass Waise zeit ihres Lebens eine Vater- und/oder Mutterwunde herumtragen, ist der Psychologie bekannt. Jesus wusste, dass es um den Menschen bei Verlust der Beziehung zum himmlischen Vater nicht viel anders bestellt ist. Ob der Mensch es wahrhaben will oder nicht.

Jetzt wird auch verständlich, warum Jesu Heilungen weniger die Ärzte als vielmehr den Klerus in Wallung brachten. Die Beziehung Mensch-Gott zu “heilen”, in Ordnung zu bringen – das tangierte ihre Kernkompetenz, ihr “Geschäft” im Tempel. Das war das Letzte, worin sich ein galiläischer Wanderprediger einzumischen hatte.

Maxime ganzheitlicher Heilung

Fazit: Unsere Erwartungen an Gott bzw. Jesus hinsichtlich Heilung, also der Aufhebung von Krankheit und Leid dürfen sich nicht lösen von der Maxime ganzheitlicher Heilung, die Jesus bis heute im Blick hat:

“Welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt (und alle Fitness) gewönne, und verlöre sich selbst oder beschädigte sich selbst?” (Lk 9,25)

Aus Gottes Sicht gilt ein Mensch mit revitalisierter Gottesbeziehung auch dann als geheilt, als “heil”, wenn die körperliche Vitalität auf sich warten lässt oder ausbleibt.

Titelbild: Playground AI

Mehr am “Abend der Dunkelheit” mit der Frage: “Warum das Leid?”

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