Wladimir Putin und der Ukraine-Konflikt halten die Welt in Atem. Aber wer ist dieser Wladimir Putin eigentlich? Wie tickt Putin? – Sage mir, was er liest und ich sage dir, wer er ist: Die Bücher des russischen Religionsphilosophen Iwan Iljin stehen in der Gunst Putins oben. Wenn man verstehen will, wie Putin denkt und den Ukraine-Konflikt weiterspielt: Iwan Iljin wäre eine Erklärung.

Gottesbild korrigieren

Wladimir Putin und der Philosoph Iwan IljinIch habe mir von diesem im Westen eher (noch) unbekannten Philosophen das Buch “Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse” vorgenommen – und wurde schon im Vorwort hellwach. Es gibt ja regelmäßig Versuche, unser verklärtes bis naives Bild von Gott z.B. als senilen Opa oder netten Kumpel zu korrigieren. Nachgefragt werden solche Bücher wie Brötchen vom Vortag.

Iljin setzt seinen Versuch bei Jesus an. Jesus ungezähmt. Wie er mit Peitschen auf die Händler im Tempel eindrischt, die Pharisäer als “Natternbrut” anschnauzt, die Tumbheit seiner Jünger kaum mehr zu ertragen vermag und schließlich Irrlehrern die Todesstrafe wünscht, nämlich mit einem Mühlstein um den Hals im Meer versenkt. Jesus außer Rand und Band. Gar nicht mehr so nett.

Konfrontation mit dem Bösen

So mancher Jesus-Friend wird erschrocken seinen Hagebuttentee verschütten, klingt das doch eher nach dem Motto

“Schlägt dich einer auf die rechte Wange, so halte auch die linke hin. Schlägt er dich auch auf die linke Wange, so weißt du, dass er nicht verstanden hat: vertrimme ihn so gut du kannst.” – Verfasser unbekannt.

Der orthodoxe Christ Iwan Iljin erlebt die Wirren und das Leid der russischen Oktoberrevolution, des Bolschewismus, des Stalinismus. Mehrfach verhaftet und sogar zum Tode verurteilt, wird er schließlich verbannt, geht nach Deutschland, wo er ins Visier der Nationalsozialisten gerät. Freigekauft durch seinen Freund und Komponisten Sergei Rachmaninow kann er in die Schweiz fliehen, wo er 1954 verstarb.

Keine Kompromisse mit dem Bösen

Die wiederkehrende Konfrontation mit dem abgrundtiefen Bösen führte Iljin zur Einsicht, dass dem Bösen nicht unreflektiert mit Liebe, Güte und Toleranz begegnet werden darf, da es “Rechte-Linke-Wangen-Gesten” als Schwäche und Feigheit missverstehen muss. Ein (westliches) Christentum, das Jesu Lehre rein pazifistisch auslegt und nicht mehr bereit zum Kampf für das Gute und Richtige ist, macht sich überflüssig und ist dem Untergang geweiht.

Jesus ging mit dem Bösen keine Kompromisse ein, sondern stellte es, griff es an und wies es in die Schranken. Erst gegenüber dem geläuterten, einsichtigen Bösen kann Vergebung und Liebe aufgehen. Das ist reife, verantwortliche Liebe.

Im Geiste Bonhoeffers

Iwan Iljin liest sich als Nachruf auf seinen Zeitgenossen Dietrich Bonhoeffer, der lange haderte, ob er als Christ sich dem Bösen, sprich: Hitler auch gewaltsam in den Weg stellen müsse. Er rang sich schließlich zu einem Ja durch. Der Anschlag seiner Freunde am 20. Juli 1944 auf Hitler misslang, Bonhoeffers weiteres Schicksal ist bekannt.

Iljin nimmt das Jesus-Wort ins Kalkül, dass wer das Schwert zieht, auch durch dasselbe umkommt. Wahre Liebe muss dazu bereit sein. Jesus hat es am Kreuz vorgemacht, fast alle Apostel folgten ihm. Jesu Schwert war stets sein Wort, aber es standen – wie Jesus selbst bezeugte – auch zwölf kampfbereite Engelslegionen für ihn auf Abruf. (Mt 26,53)

Sollten Christen notfalls auch zum "Schwert" greifen?

Menetekel auf unsere Zeit

Ein Nachfolger Jesu soll in absoluten Ausnahmefällen und nach Versagen aller Alternativen bereit sein, für das Richtige eine vorübergehende Verschattung seiner eigenen Gerechtigkeit in Kauf zu nehmen – und lieber kämpfen, als durch Unterlassung an noch größerer Ungerechtigkeit schuldig zu werden.

Iwan Iljin liest sich als Menetekel auf unsere Zeit, in der weite Teile des (westlichen) Christentums bezüglich Islam, Antisemitismus, Relativismus etc. nahe der Selbstaufgabe stehen, klare Verkündigung missen lassen. Sie einem allgemeinen “sentimentalen bis hedonistischen Moralismus” (Iljin) verfallen sind, der nichts kostet, für den keine Opfer nötig sind.

Bequemes Christentum

Iwan Iljin wirft einen scharfen Blick auf ein bequemes Christentum (bereits seiner Zeit!), er liefert provokative Denkanstöße in kraftvoller Sprache. Es lohnt, sich behutsam auf seine Gedankengänge einzulassen und sie aufmerksam bis zum Ende zu verfolgen.

Das Buch liefert im Anhang Rezeptionen und eine kontroverse Diskussion. Für eine Justierung des eigenen Jesusbildes. Für ein Christsein in der Liebe, aber auch in der Wehrhaftigkeit und Entschiedenheit. Und für einen Small Talk mit Wladimir Putin auf hohem Niveau. Übrigens: Zur spannenden Frage, woher das Böse eigentlich kommt, gibt es von mir auch einen Beitrag.

Foto: Wikimedia

Mehr am “Abend der Dunkelheit” mit der Frage: “Warum das Leid?”

Warum das Leid?

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